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Waltraud Deubert

Das Medizinische Versorgungszentrum oder die Einzelpraxis – Wohin steuert die ambulante Medizin in Deutschland?

01. Februar 2007

Veranstaltung im Rahmen des Deutschen Ärzteforums – Hauptstadtkongress 2006

 

Dr. Wolfram Otto, Diplom-Gesundheitsökonom und Geschäftsführer von POLIKUM [1] , vertrat beim Hauptstadtkongress 2006 in Berlin die Ansicht, dass sich die Kosten einer Einzelpraxis, die sich in der Regel auf 50 bis 60 % der Einnahmen belaufen, durch die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf bis zu 19 % senken ließen. Sowohl die Räumlichkeiten als auch die Geräte könnten besser ausgelastet und auch die Bürokratie könnte abgebaut werden. Otto vertrat die Ansicht, dass in einer Einzelpraxis leichte bis mittelschwerkranke Patienten versorgt werden sollten, während hingegen das MVZ schwere bis schwerstkranke Patienten behandeln könne. Das Krankenhaus wiederum solle seine Berechtigung für Patienten im stationären Bereich haben. Das Ziel eines MVZ müsse es sein, mehr zu können als eine Einzelpraxis leisten kann. Fritz Stagge, niedergelassener Gefäßchirurg und Mitglied des Bundesvorstandes NAV-Virchow-Bund, widersprach: "Für schwerstkranke Menschen ist ein einziger Arzt als Ansprechpartner viel angenehmer als verschiedene Ärzte". Er zitiert seine Patienten, die sagten: "In diese Fabriken möchten wir nicht."

Für Andrea Fischer, Ex-Gesundheitsministerin, hängt die Entwicklung vor allen Dingen von den individuellen Entscheidungen der PatientInnen ab. "Mc Donald ist zwar groß, aber nicht alle wollen bei Mc Donald essen." Politisch gewollt ist ein ausgeprägter Wettbewerb im Gesundheitswesen sowie eine sektorenübergreifende und berufsfeldübergreifende Versorgung. Vom Arzt werden zunehmend mehr unternehmerische Fähigkeiten gefordert, z. B. in Verhandlungen mit Krankenkassen. Hier schlägt Andrea Fischer vor, den Ärzten Unterstützung bei unternehmerischen Handlungen zukommen zu lassen, etwa durch die Kassenärztliche Vereinigung. "Die KVen sind auf der Suche nach einer künftigen Existenzberechtigung – dies wäre doch eine." Für jüngere Kollegen, die sich niederlassen wollen, wird in einem Versorgungszentrum eine gute Anlaufstelle gesehen. Ein Plädoyer für ein Nebeneinander von Medizinischen Versorgungszentren und Einzelpraxen hielt Prof. Volker Amelung, Gesundheitssystemforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover und Geschäftsführer des Berufsverbandes Managed Care.

Einig war man sich darin, dass die klassische Einzelpraxis auf Dauer vor ökonomischen Problemen stehen wird und die Zukunft in Kooperationsgemeinschaften, wie sie durch das GKV-Modernisierungsgesetz und im künftigen Vertragsarztrechtsänderungsgesetz gefördert werden sollen, liegen wird.
Dr. Ralph Steinbrück, Fachanwalt für Medizinrecht, analysierte in einer ausführlichen Stellungnahme für den Ärztenachrichtendienst den derzeitigen Kabinettsentwurf zum Vertragsarztrechtsänderungsgesetz und kommt unter anderem ebenfalls zu dem Schluss, dass "Einzelpraxen wohl weiter zurückgedrängt" werden. "MVZ-Ketten werden keine Seltenheit mehr sein; die ambulante ärztliche Tätigkeit wird sich darüber hinaus auch zunehmend an oder in Kooperation mit Krankenhäusern abspielen", prophezeit der Anwalt in seinem Text.


[1] Die POLIKUM-Gruppe entwickelt und betreibt ein Netzwerk von ambulanten medizinischen Versorgungszentren. Alle nicht-medizinischen Bereiche wie Abrechnung, Einkauf, Marketing und Personal werden in der POLIKUM Service GmbH gebündelt und zentral gesteuert.