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Kammerpolitik

Deutscher Psychotherapeutentag am 14./15. November 2025 in Berlin

20. November 2025
 

Der 47. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) zeigte eindrucksvoll, wie stark sich die Profession in Zeiten wachsender Herausforderungen engagiert. In Grußworten betonten Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Dr. Tanja Machalet (SPD), die politische Bedeutung psychischer Gesundheit und würdigten die Arbeit der Psychotherapeut*innen – insbesondere für Kinder und Jugendliche. Weiterhin wurde betont, wie wichtig eine funktionierende Weiterbildung für unsere Berufsgruppe sei und, dass deren Finanzierung natürlich eine große Priorität habe. Offen blieb aber, ob sie wirklich planen, entsprechende Regelungen auf den Weg zu bringen.

Die Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dr. Andrea Benecke, machte im Vorstandsbericht deutlich, dass die aktuellen Regelungen zur Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung weiterhin unzureichend sind. Trotz der seit Jahren vorgebrachten Forderungen habe sich die Situation kaum verbessert. Zwar sei es ein wichtiger Schritt, dass im neuen Gesetz zur „Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ (BEEP) erstmals die psychotherapeutischen Weiterbildungsambulanzen verankert und ihnen damit die Möglichkeit gegeben werde, mit den Kassen über angemessene Honorare zu verhandeln, doch diese Lösung greife viel zu kurz. Es fehlen weiterhin zentrale Bausteine wie eine gesicherte Finanzierung von Supervision, Fachkenntnisvermittlung und Selbsterfahrung. Zudem fehlen noch Regelungen für die anderen Weiterbildungsbereiche, wie Kliniken und Einzelpraxen sowie Medizinische Versorgungszentren und viele andere Institutionen.

Andrea Benecke betonte, dass die aktuell zugelassenen Weiterbildungsstellen vielerorts lediglich auf dem Papier existieren, weil eine solide Finanzierung fehlt. Sie verwies darauf, dass sich viele Studierende der Klinischen Psychologie und Psychotherapie frustriert zeigen und ihren Abschluss verschieben, da es kaum realistische Perspektiven für Weiterbildungsstellen gibt. Einzelne regionale Kassenärztliche Vereinigungen signalisierten zwar Bereitschaft, Gehaltszuschüsse zu gewähren, doch das sei bisher die Minderheit und auch dort bei weitem nicht ausreichend.

In ihrer Rede kündigte sie an, dass die Profession weiterhin entschlossen dafür kämpfen werde, eine umfassende Finanzierung der Weiterbildung in allen Versorgungsbereichen zu erreichen. Nur so könne gewährleistet werden, dass ausreichend qualifizierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ausgebildet werden und die Versorgung gesichert ist.

Digitale Agenda & Künstliche Intelligenz

Ein zentrales Thema dieses DPT war der verantwortungsvolle Umgang mit KI. Prof. Dr. Susanne Schreiber vom Deutschen Ethikrat zeigte in ihrem Vortrag Chancen auf – etwa bessere Therapiepassung, personalisierte Medizin oder digitale Zwillinge zur Simulation von Krankheitsverläufen. Gleichzeitig benannte sie klare Risiken:

  • Kompetenzverlust, Automation Bias
  • zu einfache Entscheidungsmodelle
  • fehlende Empathie
  • mögliche Schwächung der therapeutischen Beziehung
  • Qualitäts- und Sicherheitsprobleme
  • Gefahr des Personalabbaus

Entgegen der früheren Einschätzung des Ethikrats betonte Schreiber, dass die Psychotherapie nicht durch KI so leicht zu ersetzen sei. Ethik, Datenschutz und Behandlungsqualität müssen im Mittelpunkt stehen. Wichtig seien transparente Daten, Schulungen für Fachpersonal, Sicherheitsstandards und ein Verzicht auf Rationalisierung zulasten der therapeutischen Arbeit.

Im Anschluss an diesen wertvollen Impulsvortrag berichtete BPtK-Vizepräsidentin, Sabine Maur, über den aktuellen Stand der digitalen Agenda der BPtK. Sie stellte Handreichungen und Positionspapiere in Aussicht, die unseren Berufsstand auf dem Weg in eine stärkere Digitalisierung begleiten sollen. Die Delegierten diskutierten über Chancen und Risiken von KI und sozialen Medien. Der Vorschlag, künftig auch TikTok als Kanal zur Erreichung junger Menschen zu nutzen, sorgte für eher zurückhaltende Reaktionen – und für kurzzeitiges Stirnrunzeln bei jenen, die bis dato dachten, TikTok sei vor allem für die Verbreitung von Tanzchoreografien zuständig.

Es folgte ein erfreulicher Tagesordnungspunkt: Christoph Treubel, KJP aus Bayern und Mitglied in unserer DGVT-Fraktion, wurde mit überzeugender Mehrheit zum stellvertretenden Versammlungsleiter gewählt. Er folgt auf Stuart Massey Skatulla, der sein Engagement in der BPtK vor ca. drei Wochen etwas überraschend beendet hatte. Vielen Dank an Christoph, dass er dieses verantwortungsvolle Amt so kurzfristig übernimmt - wir wünschen ihm gutes Gelingen und viel Geschick.

Einen breiteren Raum nahm anschließend die Überarbeitung der Muster-Berufsordnung ein. Die Vorträge und Diskussionen spiegelten die Mühen wider, digitale Möglichkeiten verantwortungsvoll in die psychotherapeutische Versorgung einzubetten. Konsens herrschte darin, die Psychotherapie in Präsenz als zentralen Anker der psychotherapeutischen Behandlung zu bewahren und zu stärken, sich zugleich aber auch den Möglichkeiten der Videobehandlung weiter zu öffnen und für unseren Berufsstand die hier seit der Pandemie klaffende Regelungslücke endlich zu schließen. Künftig ist videogestützte Therapie auch außerhalb klassischer Praxisräume zulässig, sofern ein professionelles, störungsfreies und vom Privatleben klar getrenntes Setting gewährleistet wird. Virtuelle Räume wurden mit in die MBO aufgenommen und gelten nun explizit als „Ort der Begegnung“. Zugleich wurde der Umfang mobilen Arbeitens begrenzt, um einer potenziellen Entgrenzung der Berufsausübung vorzubeugen. Weitere Änderungen betrafen den Datenschutz, die Zusatzbezeichnungen, die Gestaltung von Praxisschildern (Bezeichnungen wie „MVZ“ z.B. nur nach Kammergenehmigung) sowie das Recht unserer Patient*innen auf eine kostenlose Erstkopie ihrer Patient*innenakte – letzteres eine Anpassung an ein aktuelles EuGH-Urteil. Trotz teils kontroverser Punkte wurden alle Änderungen mit deutlichen Mehrheiten verabschiedet.

Die Realität von Digitalisierung und Social Media zeigte sodann auch den DPT-Delegierten ihren ganz eigenen Humor: Während des folgenden Vortrags von Andrea Benecke zum Stand der neuen Weiterbildung erklangen plötzlich laut vernehmbar Kirchenglocken aus dem Handy eines Delegierten – offenbar aus Versehen oder war’s vielleicht doch der Versuch eines intelligenten Smartphones, ein wenig spirituelle Unterstützung zu leisten?

Andrea Benecke berichtete über einen deutlichen und durchaus erfreulichen Anstieg an zugelassenen Weiterbildungsstätten, Weiterbildungsbefugten und aktuell laufenden Anträgen, mahnte aber, dass das noch lang kein Grund für Euphorie sei, da ohne gesicherte Finanzierung viele der potenziellen Stellen zunächst wohl unbesetzt bleiben werden. Erste Erfahrungen aus den wenigen bereits gestarteten Weiterbildungsstätten zeigen zudem einen überaus hohen Bedarf an Flexibilität aller Beteiligten. Im Bereich der institutionellen WB gibt es hingegen erste erfolgsversprechende Gespräche mit Institutionen aus der Suchthilfe, der Jugendhilfe, der Prävention sowie dem Öffentlichen Gesundheitsdienst. Das eLogbuch, als gemeinsames Projekt aller Landeskammern unter dem Dach der BPtK, befindet sich aktuell im Vergabeverfahren; Im Frühjahr 2026 soll aus den sich bewerbenden IT-Dienstleistern eine Firma den Zuschlag erhalten und mit der technischen Entwicklung des eLogbuchs beginnen.

Haushaltsberatungen: Im Ergebnis schloss die BPtK das Jahr 2024 anders als vorgesehen mit einem Plus auf dem Konto ab – vor allem, weil einige geplante Ausgaben geringer ausfielen oder sich verzögert hatten. 2025 liegt aktuell noch voll im Haushaltsplan und für 2026 ist lediglich eine moderate Entnahme aus den Rücklagen vorgesehen; die Liquiditätsreserve bleibt dabei im Sollkorridor. Der Jahresabschluss 2024 wurde ebenso wie der Haushaltsplan für 2026 einstimmig bestätigt.

Die Änderungsanträge zur Satzung der BPtK und Geschäftsordnung des DPT führten kurz vor Schluss zu einer Debatte über die von der Gleichstellungskommission vorgeschlagene Einführung einer Mindest-Quote für Frauen in allen Gremien. Der weiterhin starken Unterrepräsentation von Frauen in den BPtK- und DPT-Gremien steht mittlerweile ein Berufsstand mit einem Frauenanteil von über 75% gegenüber. Nach einer durchaus kontroversen Diskussion wurden die Änderungen jedoch, auch mit den Stimmen der DGVT-Fraktion, mit einer kräftigen, demokratischen 2/3-Mehrheit beschlossen.

Ganz traditionsgemäß wurde zuletzt dann noch eine Vielzahl an politisch bedeutsamen Resolutionen verabschiedet, z.B.

  • die Forderung nach einer gesicherten Finanzierung der Weiterbildung,
  • Forderungen zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, insbesondere in digitalen Räumen,
  • die Ablehnung eines Registers für Menschen mit psychischen Erkrankungen,
  • die Dringlichkeit des Klimaschutzes als Gesundheitsschutz,
  • ein klares Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten, gesellschaftlichem Zusammenhalt und Solidarität.

Zwei Resolutionen, die auch von unserer Fraktion mitgestaltet wurden, beziehen sich auf aktuelle Entwicklungen:

  • Von besonderer Bedeutung für den ambulanten Bereich ist schließlich die Stellungnahme zum derzeit in NRW erprobten QS-Modell, welches im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) für die niedergelassenen Vertragspsychotherapeut*innen erarbeitet wurde. Viele Expert*innen und Fachgremien haben zwischenzeitlich herausgearbeitet, dass dieses Modell, welches Therapeut*innen und Patient*innen sehr viel zusätzliche Arbeit abverlangt, prinzipiell keinen Nutzen verspricht, sondern in verschiedener Hinsicht eher schädlich für die Versorgung sein kann. Die Resolution geht vom grundsätzlichen Bekenntnis zur Notwendigkeit von Qualitätssicherung und insbesondere Qualitätsmanagement für die Psychotherapie aus, weist aber auch auf die vielfältigen bereits laufenden Ansätze hin und fordert die Abschaffung des prinzipiell nutzlosen G-BA-Modells („Stopp von unnützer Bürokratie“).
  • Bezogen auf den Bereich der stationären Psychiatrischen Versorgung wird schließlich eine dringende Veränderung der Personalverordnung Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-Richtlinie) gefordert, damit die vom G-BA selbst formulierten Versorgungsziele erreicht werden können. Eine aktuelle Studie der BPtK, die in diesen Tagen veröffentlicht worden ist, hatte auf Basis von Daten der psychiatrischen Krankenhäuser belegt, dass dort mit dem derzeit gegebenen Personal im Durchschnitt pro Woche nur 25 Minuten Psychotherapie für die Patient*innen geleistet werden, also nur halb so viel, wie es der G-BA selbst für richtig hält. Das kann so nicht bleiben, wenn angestrebt wird, dass in der Psychiatrie auch behandelt und nicht nur verwahrt wird. Schließlich sind die stationären Patient*innen akuter erkrankt und haben demzufolge einen höheren Bedarf an Psychotherapie als im ambulanten Setting, wo 50 Minuten pro Woche der Standard sind.

Zum Abschluss dankte die Versammlungsleitung allen Beteiligten und verwies auf den nächsten Deutschen Psychotherapeutentag im Mai 2026 in Travemünde – ein Veranstaltungsort, der bei der*dem ein oder anderen Delegierten schon jetzt die Hoffnung weckt, dass präzise Formulierungen in Satzungen und Berufsordnungen sich leichter finden lassen, wenn die Ostsee leise im Hintergrund rauscht.

Puya Sattarzadeh (Schleswig-Holstein) und Marc Stephan (Berlin)

 

Alle Resolutionen im Wortlaut und auch ein ausführlicherer Bericht (mit Fotos) werden in diesen Tagen auf der Homepage der BPtK zu finden sein.