Diotima-Preis der Bundespsy-chotherapeutenkammer 2015 an Prof. Dr. Stefan Klingberg, Tübingen, verliehen
Der Wissenschaftler und Psychotherapeut Prof. Dr. Stefan Klingberg hat am 24. April den Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft erhalten. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) ehrt damit einen Psychotherapeuten, der sich seit Beginn seiner universitären Laufbahn für eine bessere Psychosenpsychotherapie eingesetzt hat. „Professor Klingberg steht für die Überzeugung und den Nachweis, dass Psychotherapie bei Psychosen wirksam ist – eine Tatsache, der selbst die Fachöffentlichkeit lange skeptisch gegenüberstand und oft immer noch steht“, stellt BPtK-Präsident Prof. Rainer Richter fest. „Engagierten Forschern und Behandlern wie ihm haben wir es zu verdanken, dass ein Umdenken einsetzt und auch Patienten mit Psychosen häufiger Psychotherapie erhalten.“
Psychosen gehören zu den schwersten psychischen Erkrankungen, da sie oft chronisch verlaufen und das Leben und den Alltag der Erkrankten oft stark beeinträchtigen. An der schwersten Form einer Psychose, der Schizophrenie, leiden in Deutschland 800 000 Menschen, berichtet die Bundespsychotherapeutenkammer auf ihrer Homepage. Psychosen treten meist erstmals im frühen Erwachsenenalter auf, bei Männern in der Regel zwischen 20 und 25 Jahren und bei Frauen zwischen 25 und 30 Jahren. Männer und Frauen erkranken gleich häufig. Schizophrenien verlaufen sehr unterschiedlich. Manche Patienten erkranken nur einmal, andere chronisch mit erheblichen Einschränkungen im Alltag. Eine akute Erkrankung lässt sich meistens gut behandeln. Etwa 25 Prozent der Patienten erleiden nur eine einzelne Krankheitsphase. Circa die Hälfte der Patienten erleben mehrere Phasen, die aber wieder abklingen – bei 25 bis 30 Prozent der Betroffenen mit phasenhaftem Verlauf kommt es zu einer guten Gesundung. Etwa ein Viertel der Patienten hat erhebliche Schwierigkeiten, sich wieder vollständig von der Krankheit zu erholen und lebt mit chronischen Einschränkungen. Lange Zeit wurde nahezu ausschließlich eine medikamentöse Behandlung für wirksam gehalten. Die Ergebnisse der Psychotherapieforschung aus den letzten 20 Jahren widerlegen diese Einschätzung. Gleichwohl erhalten Patienten mit Psychosen noch immer zu selten Psychotherapie.
Prof. Stefan Klingberg studierte in Münster Psychologie, wo er 1993 zum Thema „Rückfallprophylaxe bei Psychosen“ promovierte. Seit 1993 ist er an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen tätig, an der er 2003 habilitierte. Seit 2004 ist er als Leitender Psychologe und Hochschuldozent in Tübingen tätig. Prof. Klingberg veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze zum Thema „Psychotherapie bei Psychosen“ und ist derzeit maßgeblich an der Aktualisierung der S3-Leitlinie Schizophrenie beteiligt. Er ist Mitgründer und Vorstandsmitglied des Dachverbands Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie.
Der Dachverband Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie e.V. (DDPP) wurde im Mai 2011 gegründet. Dieser Dachverband ist ein Zusammenschluss von Personen und Verbänden (die DGVT ist Gründungsmitglied), die in der Psychiatrie oder Versorgung von Menschen mit Psychosen tätig sind und das Ziel verfolgen, Psychotherapie in der Behandlung von Menschen mit Psychosen zu einem selbstverständlichen Angebot zu machen. Der DDPP fordert unter anderem, die Behandlungsstruktur und Abrechnungsmodalitäten entsprechend anzupassen und integrierte Versorgungsangebote zu schaffen. Ambulante und stationäre Versorgungsangebote sollen außerdem besser verzahnt werden. Vorstandsvorsitzende ist Prof. Dr. med. Dorothea von Haebler, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Mitte. Sie hielt die Laudatio auf Prof. Klingberg und schilderte die Behandlung von Psychosen im historischen Verlauf.
Der Diotima-Ehrenpreis der deutschen Psychotherapeutenschaft wird jährlich an Personen oder Organisationen verliehen, die sich besonders um die Versorgung psychisch kranker Menschen verdient gemacht haben. Der Preis ist nach Diotima aus Mantinea benannt, einer mythischen Priesterin der Antike. Sie gilt als Lehrerin des Sokrates, die ihn dazu inspirierte, als erster Philosoph die Seele des Menschen in den Mittelpunkt seines Denkens und Lehrens zu stellen.
Waltraud Deubert
Quelle: Rosa Beilage zur VPP 2/2015