Erfolgreicher Psychiaterkongress
Er ist zu einem Magneten für deutschsprachige Psychiater geworden: Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) Ende November in Berlin glich einem Event und zog über 6.000 Teilnehmer an. Zu Recht bezeichneten die Ausrichter die mehr als 500 Veranstaltungen als Kongress der Superlative. Das Internationale Congress Centrum (ICC) bot den entsprechend großzügigen Rahmen, eine bunte „Designer-Pharmameile“ lud zum Reden, Diskutieren und Wiedersehen ein. Das inhaltliche Programm war umfassend und bezog auch andere Berufsgruppen – so gab es ein Symposium in Kooperation mit der Bundespsychotherapeutenkammer - sowie zunehmend die Öffentlichkeit und Politik mit ein.
Was macht diesen Kongress so attraktiv bei den Psychiatern? Neben den günstigen Rahmenbedingungen ist dies sicherlich die massive Pharmapräsenz, die die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellt: Gold- und gar Platinsponsorship erlauben Firmen, sich großzügig zu beteiligen. Viele Psychiater lassen sich die vorweihnachtliche Kongressreise von der Pharmaindustrie finanzieren, so stellt auch der üppige Kongressbeitrag keinen Hinderungsgrund dar. Die Verpflegung ist bestens geregelt, die Kongressorganisation obliegt professionellen Agenturen. Das umfassende Programm mit seinen Präsidentensymposien, State of the Art-Vorträgen, Industriesymposien, Postersessions, Symposien zu mannigfachen Themen sowie seinem ansehnlichen Weiterbildungsprogramm mit 72 Workshops ist anziehend. Und die Psychiater kommen gerne. Mittlerweile versucht der Kongress seine Türen auch für andere Gruppen zu öffnen und zeigt Präsenz in der Gesellschaft: ein Schülerkongress und Öffentlichkeitsveranstaltungen waren gleichfalls Bestandteil des Kongresses. Der Schülerkongress bot dieser Zielgruppe die Möglichkeit, mit Experten über die Themen „Depression bei Jugendlichen“, „Stress in der Schule und Prüfungsangst“ sowie „Der normale Wahnsinn? Psychosen sind nicht cool!“ zu diskutieren. Außerdem ist die DGPPN zunehmend bemüht, die breite Öffentlichkeit an der Thematik teilhaben zu lassen. Zwei öffentliche Informationsveranstaltungen zu den Themen „Was tun, wenn der Computer zur Sucht wird?“ und „Psychische Gesundheit und Arbeitswelt: Macht uns die Arbeit krank?“ fanden im Pressehaus des Berliner Verlags statt.
Inhaltlich setzte der derzeitige Präsident der DGPPN, Professor Gaebel von der Psychiatrischen Universitätsklinik Düsseldorf, Schwerpunkte auf die Themenbereiche Psychiatrische Diagnostik und deren Entwicklungsperspektiven, Identität des Fachgebietes Psychiatrie und Psychotherapie sowie die Wahrnehmung der Psychiatrie in Gesellschaft und Politik.
Leitthema und Themenschwerpunkt im ersten Präsidentensymposium war in diesem Jahr die „Psychiatrie als diagnostische Disziplin“. Anlass dafür boten die Vorbereitungen der internationalen Expertenkommissionen zur 11. Revision der Internationalen Krankheitsklassifikation (ICD-11) sowie der fünften Revision des "Diagnostic and Statistical Manuals" (DSM-V). Grundsätzliche Fragen, wie jene nach den philosophischen Grundlagen von Diagnostik und Klassifikation, aber auch die Frage nach der Grenzziehung zwischen „noch gesund“ und „schon krank“ wurden in diesem Themenkomplex diskutiert. Wie schon in der International Classification of Functioning (ICF), zeigte sich auch in den Diskussionen um die Klassifikation psychischer Störungen eine Tendenz zu einer an Funktionsstörungen orientierten Diagnostik. In diesem Zusammenhang ging es u. a. um die Rolle bildgebender Verfahren, aber auch um die Rolle der Neurowissenschaften und der Neuropsychologie für die psychiatrische Diagnostik. Hier zeigte sich einerseits die breite Forschungspalette, anderseits die doch noch eingeschränkte Anwendbarkeit der Ergebnisse für die individuelle Diagnostik.
Der Themenschwerpunkt Gesellschaftsdiagnostik und Politikberatung befasste sich mit den Interaktionen des Faches Psychiatrie und Psychotherapie mit Politik und Gesellschaft. Psychische Störungen treten so häufig auf, dass sie für den Zustand der Gesellschaft einen bedeutenden Faktor darstellen, und dies nicht nur im volkswirtschaftlichen Sinn. Daraus folgt die Notwendigkeit, politische Entscheidungsträger über die Natur, die Häufigkeit, aber auch die Behandelbarkeit psychischer Störungen zu informieren. Darüber hinaus kommen aus der Gesundheitspolitik auf verschiedenen Ebenen Impulse in die Psychiatrie und die Versorgung psychisch Kranker, die zu bewerten sind. Die Redner aus der Politik machten deutlich, dass psychiatrische und psychotherapeutische Interessen vor allem mit einer Stimme und kontinuierlich gegenüber der Politik vertreten werden sollten, um Gehör zu finden.
Eine erfreuliche Entwicklung zeigt sich auf dem Gebiet des Einbezugs von Betroffenen und Angehörigen psychisch Kranker: Der so genannte Trialog hat sich in der DGPPN etabliert. So wurde beim diesjährigen Kongress auf Augenhöhe miteinander diskutiert und selbst heikle Themen wie „Traumatisiert die Psychiatrie?“ standen auf der Agenda. Die im Rahmen des Kongresses erfolgte Preisverleihung im “Antistigmakampf“ ging in diesem Jahr an die Hamburger Initiative „Irre menschlich Hamburg e.V.“. Der mit 4.000,- Euro dotierte Preis wurde für das „Photoprojekt Erfahrungsschatz“ vergeben; eine Photoausstellung, die Menschen und ihre persönlichen Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen dokumentiert. Eindrucksvolle Portraits werden durch Wort-Beiträge der Protagonisten ergänzt, in denen sie ihre Erfahrung als Betroffene oder Angehörige erläutern. Im Rahmen der Antistigmaaktivitäten war auch das „Aktionsbündnis seelische Gesundheit“ auf dem DGPPN-Kongress vertreten, um sich in den Fachkreisen bekannt zu machen (siehe Beitrag in diesem Band).
Hinsichtlich der Entwicklungen auf dem Gebiet der Psychotherapie zeichnet sich eine Neuordnung der Weiterbildung zum Ärztlichen Psychotherapeuten ab. Dabei wurde der Konkurrenzkampf mit den Psychologischen Psychotherapeuten deutlich, der durch eine bessere Qualität der ärztlich-psychotherapeutischen Weiterbildung „gewonnen“ werden soll. Themen wie Supervisionsmodelle wurden vorgestellt, so beispielsweise ein interessantes Online-Modell, das die Mannheimer Arbeitsgruppe um Professor Bohus gemeinsam mit M. Linehan derzeit entwickelt.
„Die Psychiatrie muss sexy werden“ war in den Kongressnachrichten zu lesen. Professor Rössler von der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich beklagte sich, dass die Psychologie in der Öffentlichkeit immer noch als attraktiver angesehen wird als die Psychiatrie. Ursächlich sieht er dies durch die Medienberichterstattung bedingt, die ein einseitiges, negatives Bild von der Psychiatrie zeichne. Doch zumindest was die Teilnehmer des Kongresses angeht war man sich einig: Der DGPPN-Kongress 2007 war sexy.