Europäischer Kongress für Familientherapie und systemische Praxis in Berlin vom 29.9. - 2.10.2004: Erfahrungen eines Besuchers
Ich erhalte eine Kurzeinweisung zum Umgang mit dem Kopfhörer, um später den Übersetzungen folgen zu können und bin erstmal beeindruckt über den professionellen Start und den offensichtlich hohen Organisationsgrad im Hause; durch den Besuch der Efta-Website wusste ich, dass bis zu 3.000 Gäste erwartet werden, und plötzlich sind alle Gedanken, die sich um Warteschlangen vor Toiletten und Rezeptionen drehen, zerstoben.
Bei der ersten Durchsicht des reichhaltigen Veranstaltungskatalogs wurde aber doch sehr schnell klar, dass ein Angebot für Entscheidungsfreudige vorliegt. Leider bin ich nicht entscheidungsfreudig und versuche daher meine Lust auf Neues und den Frust, mich entscheiden zu müssen, irgendwie zu vertagen. Ich bin gerettet, eine Freundin ruft "los jetzt: in den Saal 1". Helm Stierlin spricht gerade über Gesellschaft und Gesundheit. Ich nehme neben einem schlafenden Herrn Platz - sieht irgendwie finnisch aus. Nach einer Weile habe ich Verständnis für meinen Nachbarn, will es ihm aber auf keinen Fall gleich tun und beginne mich durch den Veranstaltungskatalog zu wälzen und parallel dem Vortrag zu lauschen. Langsam macht sich ein "Kribbeln" in meinem Körper breit, da ich viele Veranstaltungen finde, die mich vor allem als Praktiker interessieren - Namen von Referentinnen und Referenten, die ich noch nie gehört habe - und was kann interessanter sein als den Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen unserer europäischen Nachbarländer zu lauschen? Was tun? Doch Seite 17 hilft mir wieder bei der Entscheidung: Workshops und Seminare werden ohne Übersetzung veranstaltet. Jetzt bildet sich ein roter Faden durchs Programm. "Deutschsprachige Veranstaltungen vor englischsprachigen" denke ich mir unter Berücksichtigung meiner auffrischungsbedürftigen Englischkünste und wie sich noch herausstellen sollte, bin ich mit dieser Denke nicht allein gewesen und durfte des öfteren auf dem Teppichboden sitzend dem Vorgetragenen lauschen.
Jetzt ist mein finnischer Nachbar aufgewacht und ich stelle fest, dass bereits Gerhard Roth erklärt, wo genau im menschlichen Gehirn sich so etwas wie psychisches Erleben "festsetzt" und dort im Prinzip auch so auf Dauer erhalten bleibt. Nach der Veranstaltung die ersten Gespräche mit Bekannten über das Gehörte und die Bedeutung für therapeutische Prozesse. Besser wäre gewesen, wir hätten uns in der Warteschlange vor dem Buffet des "Willkommensempfangs" unterhalten, denn spätestens jetzt wird klar, dass hier kein Durchkommen zu den Fleischtöpfen besteht. Aber im Rahmen des regen Austausches trat so manches Alltägliche in den Hintergrund und diese anregende Stimmung, die sich in diesem Moment einstellte, bestimmte für mich die Zeit des Kongresses; eines europäischen Kongresses der Familientherapie und systemischen Praxis in Berlin, in Deutschland. Also in einem Land, dessen momentan maßgebliche Vertreter bestimmender Ausschüsse beschlossen, die systemische Familientherapie halte gewissen wissenschaftlichen Kriterien nicht stand; und sei offiziell kein anerkanntes psychotherapeutisches Verfahren. Nach und nach begreife ich, ich bin hier richtig und ich bin froh, dass die Veranstalter dieses Kongresses den unglaublichen Kraftakt der Organisation bewältigt haben; und natürlich dass diese Großveranstaltung auf dem eben geschilderten Hintergrund hier in Berlin stattfindet. Zu diesem Kontext fand auch ein sogenanntes gesundheitspolitisches Forum statt, in dem sehr deutlich alltägliche Widersprüchlichkeiten dargestellt wurden. Z.B. durch offizielle Überweisungen für Familientherapie - die aber natürlich gar nicht über das bestehende Krankenkassenwesen abgerechnet werden können. Dr. Michael Wirsching und Dr. Jürgen Kriz, um nur einige Namen zu nennen, haben hier kompetent und teilweise kämpferisch Positionen für systemische Familientherapie bezogen.
Im Gedächtnis blieben auch Anregungen aus der Praxis. Harry Merl (Österreich) demonstrierte in seinem Workshop eine verblüffend einfache Methode, um einen Zugang zu eigenen Problemlösungen zu erhalten. Papierzettel (die Problemkonstellationen vertreten) wurden hier auf den Boden gelegt und mit ihnen experimentiert, bis subjektiv bei der auflegenden Person Verbesserungen erzielt wurden - und das alles ohne ein Wort zu den faktischen Problemen. Oder Frank Aust, der in englischen Schulen als Psychiater und Psychotherapeut Sprechstunden anbietet. Er stellte überzeugend sein Joining mit einer Schulklasse dar und berichtete über seine Schwierigkeiten, seine Rolle als Therapeut im Schulsystem zu verteidigen und natürlich auch über die errungenen Erfolge dort. Oder Satuila Stierlin, Anne Tobin-Ashe und Ulrike-Luise Eckhardt, die interessante Aspekte und Fragestellungen zur Exploration von Genogrammen aufzeigten, die für mich teilweise ganz neue Erkenntnisse darstellten. Oder Rosemarie Welter-Ederlin, Fritz Simon und Allan Holmgren, die Schwierigkeiten und Möglichkeiten bei Generationenwechseln in Unternehmen darstellten. Und natürlich viel mehr.
Das "systemische Feld" ist weit und das europäische noch viel mehr. Da bleibt es nicht aus, dass viele durchaus thematisch interessante Beiträge an der Oberfläche haften blieben, sei es aus Gründen der knappen Zeit oder auch mangels aussagekräftiger Substanz.
Was bleibt, war eine anregungsreiche Zeit in Berlin und die Erkenntnis, mit meiner systemischen Ausbildung damals eine gute Wahl getroffen zu haben.