Experten fordern mehr Beratung
Essstörungen nehmen in unserer Gesellschaft stark zu. Am häufigsten betroffen sind Jugendliche, besonders Mädchen und Frauen. In Deutschland leidet laut einer Umfrage des Robert-Koch-Instituts (KiGGS) jedes fünfte Kind zwischen 11 und 17 Jahren unter Symptomen einer Essstörung.
Vor allem in der Pubertät setzen sich junge Menschen intensiv mit ihrem Körper auseinander, entwickeln Wunschvorstellungen von ihrer Figur und wollen aussehen wie ihre Idole aus Mode, Sport und Musik. Durch eine schlanke, durchtrainierte Figur erhoffen sie sich, genauso attraktiv, erfolgreich und beliebt zu sein, wie ihre Vorbilder. Viele (junge) Frauen und immer mehr auch (junge) Männer versuchen, über Diäten dieses Ziel zu erreichen und sehen nicht, auf welchen gefährlichen Weg sie sich hierbei begeben.
Schlankheitsdiäten können eine „Einstiegsdroge“ für Essstörungen sein. Magersucht (Anorexia nervosa), Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) oder Ess-Sucht (Binge-Eating Disorder) werden heute als psychische Krankheiten eingestuft. In krankhafter Abhängigkeit beziehen die Betroffenen ihr Selbstwertgefühl über ihr Körpergewicht und ihre Figur.
Nicht jede Diät führt unweigerlich zur Entwicklung von gestörtem Essverhalten.
Bei der Entstehung von Essstörungen spielen komplexe Wechselwirkungen aus biologischen und psychosozialen Faktoren wie die familiäre Situation, Leistungsdruck, geringes Selbstwertgefühl oder sexueller Missbrauch eine Rolle. Auch das gesellschaftliche Schlankheitsideal wird von der Forschung als mitverursachend eingeschätzt.
Seit in den vergangenen Jahren immer wieder Todesfälle von Models aufgrund von Mangelernährung bekannt geworden sind, hat die Politik in mehreren europäischen Ländern bereits reagiert:
In Spanien wurden während der Modewochen in Madrid Gewichtskontrollen bei den Models durchgeführt und „Laufstegverbote“ wegen Untergewicht ausgesprochen.
In Italien beschlossen Politik und Modeverbände einen „Anti-Magersucht-Kodex“, der die Gesundheit der Models schützen und eine gesunde Mode fördern soll.
Anlässlich des Todes eines magersüchtigen Models hat die Academy for Eating Disorders in den USA 2006 Richtlinien für Modelagenturen und die Modeindustrie erarbeitet, wie mit Essstörungen, Körperidealen und Körpergewicht umgegangen werden kann.
Die aktuelle Situation macht deutlich, dass die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung von Kindern in verschiedenen Bereichen verbessert werden müssten.
Laut BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN dürfe „die Politik nicht länger tatenlos dabei zusehen, wie Mädchen und Frauen – und vereinzelt auch Männer – unter dem Druck eines maßlos übertriebenen Schlankheitsideals leiden.“
In ihrem Antrag vom 11. Dezember 2007 fordern die Grünen daher die Bundesregierung zu verschiedenen Maßnahmen im Kampf gegen Magersucht auf, unter anderem:
- Selbstverpflichtung der Modeunternehmen und Modelagenturen in Deutschland, keine Werbeverträge mit untergewichtigen Models abzuschließen.
- Start einer Kampagne zu Essstörungen wie Magersucht und Bulimie, mit der auf die negativen Auswirkungen des Schlankheitswahns aufmerksam gemacht wird.
- Sensibilisierung der Medien: Vor allem Zeitschriften, die sich an Jugendliche wenden, sollten die Themen Schönheit und Schlankheit kritisch beleuchten und vermehrt Informationen über Essstörungen, ihre Ursachen sowie Beratungs- und Behandlungsangebote verbreiten.
- Ausbau des Beratungsangebots für Betroffene und Angehörige.
- Werbungsverbot für „Wunderpräparate“ zur Gewichtsabnahme.
- Stärkere Berücksichtigung des Themas Essstörungen in der Aus- und Weiterbildung von psychologischen, medizinischen bzw. pädagogischen Fachkräften.
- Erstellung von Leitlinien für die Diagnose und Behandlung von Essstörungen.
- Verstärkung der Forschungsaktivitäten, um für eine bessere Datengrundlage bei den verschiedenen Essstörungen zu sorgen.
Auf Grundlage dieses Antrags fand am 13. Mai 2009 eine öffentliche Anhörung vor dem Familienausschuss in Berlin statt.
Nach der Begrüßung durch die stellvertretende Vorsitzende Ekin Deligöz, gaben die Sachverständigen zunächst ihr Eingangsstatement von ca. 5 Minuten ab und wurden anschließend in mehreren Fragerunden über einen umfassenden Fragenkatalog zum Thema Essstörungen befragt.
Mit der Anhörung wurde das Ziel verfolgt, die gesellschaftliche Aufmerksamkeit auf das Thema Essstörungen zu lenken und nach Lösungen und Wegen zu suchen, wie den betroffenen Menschen geholfen werden kann. Über die Anhörung sollte auch erörtert werden, welche Möglichkeiten im Hinblick auf präventives Vorgehen zu empfehlen wären.
Thomas Altgeld von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. warnte davor, für den Bereich Essstörungen nach einfachen Lösungen zu suchen. Laut Altgeld sollte gewährleistet sein, dass die Betroffenen auf ein qualitativ hochwertiges und ortsnahes Versorgungsangebot zurückgreifen könnten. Bei den Beratungs- und Präventionsmaßnahmen dürfe keine der Essstörungen separat behandelt werden, die Beratungsangebote müssten sich auf alle Essstörungsformen beziehen.
Hinsichtlich der Qualifizierung von Fachkräften sollten zukünftig vor allem auch die Angehörigen der Bildungsberufe (Kindertagesstätten, Schulen) für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiert werden. „ Es geht nicht um eine spezielle Fortbildung zur Magersucht, sondern zu allen Auffälligkeiten im Kinder- und Jugendbereich.“
Frau Baeck vom Beratungszentrum DICK & DÜNN e.V. verdeutlichte die große Bedeutung von Beratungsstellen. Beratungseinrichtungen seien für Angehörige und Betroffene eine kostengünstige Möglichkeit, sich unkompliziert und ohne lange Wartezeiten Hilfe zu holen.
Frau Baeck betonte, dass das Beratungsangebot für Kinder- und Jugendliche mit Essstörungen weiter ausgebaut werden müsste. Psychotherapeuten seien in Großstädten gut vertreten, in ländlichen Regionen seien sie unterrepräsentiert. Besonders benachteiligt seien Eltern und Angehörige, die vor allem im Frühstadium der Erkrankung geeignete Ansprechpartner benötigen würden.
Frau Borse vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen schätzte das Versorgungsangebot im Bereich Essstörungen in Deutschland ebenfalls als unzureichend ein und verdeutlichte, dass vor allem die niederschwelligen Beratungsangebote wie Telefon- oder Onlineberatung weiter ausgebaut werden müssten. Zudem müsse eine Internetplatform mit Informationen und Ansprechpartnern für Lehrer und Erzieher eingerichtet werden.
Im Hinblick auf präventive Maßnahmen machte Frau Borse deutlich, dass vor allem Lebenskompetenzprogramme eingesetzt werden sollten, die die Aspekte Ernährung, Bewegung und Stressbewältigung übergreifend behandeln und nicht isoliert nur ein bestimmtes Themengebiet, zum Beispiel Essstörungen, behandeln.
Frau Prof. Dr. Herpertz-Dahlmann vom Uniklinikum Aachen ging auf die Therapiemöglichkeiten bei Essstörungen ein. Die Heilungschancen insbesondere bei Magersucht seien sehr gering: Auch nach drei Jahren intensiver Therapie seien weniger als die Hälfte der magersüchtigen Patienten wirklich geheilt.
Magersucht sei die dritthäufigste chronische Erkrankung im Jugendalter, zudem gäbe es gravierende Folgen für das Erwachsenenalter: Angsterkrankungen, Zwangserkrankungen, Depression, Osteoporose.
Frau Prof. Dr. Herpertz-Dahlmann richtete daher ihren Appell an die Politiker und die Gesellschaft, die Forschungsbemühungen im Bereich Essstörungen trotz angespannter Finanzsituation weiter zu unterstützen.
Auch Dr. Mayer von der Klinik Hochried sprach sich für verstärkte Forschungsbemühungen in den Bereichen Diagnostik und Therapie von Essstörungen aus.
Dr. Mayer betonte außerdem, dass zukünftig die Familien der Betroffenen bei der Behandlung von Essstörungen stärker berücksichtigt werden müssten, da viele psychische Erkrankungen durch schwierige familiäre Verhältnisse (mit)verursacht seien.
Katja Rauchfuß von Jugendschutz.net ging abschließend auf die Verherrlichung von Essstörungen im Internet ein. Die gemeinsame Stelle der Bundesländer für den Jugendschutz (Jugendschutz.net) recherchiert seit 2006 sogenannte „Pro-Ana bzw. Pro-Mia Angebote“ und bemüht sich um deren Abschaltung. Auf diesen Webseiten werden Essstörungen idealisiert und ein Leben mit Magersucht oder Bulimie wird als erstrebenswerter Lifestyle dargestellt. Betroffene werden in ihrer Essstörung bekräftigt, die Webseiten können aber auch als Einstieg in eine Essstörung dienen.
Die Experten waren sich einig, dass das Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche mit Essstörungen ausgebaut werden müsste und dass Erzieher und Lehrer stärker für das Thema sensibilisiert werden sollten. Zudem müssten die Forschungsbemühungen im Bereich Therapie und Prävention weiter vorangetrieben werden.
Der Fokus der Anhörung lag nicht auf der Vermittlung neuer Erkenntnisse, vielmehr sollten durch die Anhörung Veränderungsprozesse in Gang gestoßen werden. Fachleute müssen sich bewusst sein, dass auf Symposien und Tagungen Probleme und Veränderungsbedarfe aufgezeigt und beschrieben werden können. Gesellschaftlichen Strukturen, können nur dann verändert werden, wenn die verantwortlichen Politiker diese Informationen wahrnehmen, eigene Handlungsmöglichkeiten erkennen und Veränderungsprozesse in Gang setzen.
Vor diesem Hintergrund bleibt zu wünschen, dass zukünftig noch weitere derartige Veranstaltungen folgen werden. Nur so können langfristig nachhaltige Veränderungen verwirklicht werden.
Tina Tansek