Fachtagung 'Berufsfeld Gesundheitsförderung - Wege der Professionalisierung' am 14.5.2004 an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal
Nach einem "Freitagvormittag der Fachvorträge": ...
Prof. Dr. Thomas Hartmann informierte über die Entwicklung des Studienganges an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Prof. Dr. Eberhard Göpel richtete den Blick auf die bundesrepublikanische Hochschullandschaft und zeigte auf, welche gesundheitswissenschaftlichen Studiengänge gegenwärtig bestehen (unter http://www.vincentz.net/karrierecenter/studiengaenge.cfm findet sich eine Übersicht der hochschulgebundenen Studiengänge oder sonstigen Weiterbildungen).
Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), informierte über den Stand der Gesundheitsförderung in der Bundesrepublik und zeigte Entwicklungsperspektiven auf.
Und Kirstin J. Byrne von der University of Pennsylvania blickte über die Bundesrepublik hinaus und fragte nach den internationalen Perspektiven im Bereich Gesundheitsförderung.
...war der Freitagnachmittag der Arbeit in Arbeitsgruppen gewidmet, die orientiert an Berufsfeldern im Bereich Gesundheitsförderung gebildet wurden.
Thema der Arbeitsgruppe 6 war der Bereich Bildung und Weiterbildung. Unter der Moderation von Dr. Hansheinz Kreuter, Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal und dort zuständig für den Studiengang "Angewandte Gesundheitswissenschaften", wurde über die erforderlichen Qualifikationen im Berufsfeld Gesundheitswissenschaften diskutiert - und darüber, wer diese Qualifikationen vermitteln sollte und wie dies erfolgen kann.
Frau Struck, Leiterin der AOK-Niederlassung Magdeburg-Nord in Sachsen-Anhalt und selbst Studentin des Studiengangs "Angewandte Gesundheitswissenschaften", stellte den großen Bedarf an ausgebildeten GesundheitswissenschaftlerInnen im Zuge der steigenden Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung in der "Gesundheitskasse AOK" heraus. Diese sollten auch über fundierte Kenntnisse unseres Gesundheitssystems mit seinen Akteuren, Prozessen und Steuerungsmodellen verfügen. Und es seien auch volks- und betriebswirtschaftliche Kenntnisse und das Wissen um den Ablauf politischer Entscheidungs- und Handlungsprozesse erforderlich.
Die Vermittlung gesamtwirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge und Prozesse lag auch Dr. Lothar Klaes, Wissenschaftler am Wissenschaftlichen Institut der Ärzte Deutschlands (WIAD) e.V. in Bonn, in besonderem Maße am Herzen: GesundheitswissenschaftlerInnen müssen die handelnden Akteure und ihre Interessen im Gesundheitswesen kennen und die Prozesse in diesem Bereich begreifen, um in Forschung und Praxis angemessen entscheiden und handeln zu können; die Vermittlung "gesundheitspolitischer Gestaltungskompetenz" sollte ausgebaut werden.
Prof. Dr. Joachim Winkler, Hochschule Wismar, stelle daran anknüpfend die Bedeutung und Notwendigkeit der Weiterbildung im Bereich Gesundheitswissenschaften auf akademischem Niveau heraus: Es sind die Hochschulen in der Bundesrepublik, die mit Bildungs- und Weiterbildungsangeboten auf den Bedarf an spezifisch für den Bereich Gesundheitswissenschaften qualifizierten Fachkräften reagieren sollen und müssen. Insbesondere den Fachhochschulen mit ihrer großen Nähe zur Berufspraxis komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Und sie sollten im Bereich der Aus- und Weiterbildung kooperieren und hochschulübergreifende Bildungsangebote machen. Kurz: Die "Zeichen der Zeit" lauten "Modularisierung und hochschulübergreifende Vernetzung" im Bereich postgradualer Aus- und Weiterbildung.
Dr. Wilfried von Stünzer, Leiter der Koordinierungsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung und berufsbegleitende Fernstudien an der Fachhochschule Magdeburg, stellte die enge Ausrichtung am Bedarf der Praxis in den Vordergrund seiner Überlegungen. Die Kooperation mit den "Anstellungsträgern" (Krankenkassen, Kliniken, ...) und den Unternehmen umfasst dabei auch eine enge Zusammenarbeit bei der Entscheidung über die Bildungsinhalte (entwickeln von Curricula).
An diese Stelle entstand eine Diskussion darüber, ob im Rahmen dieser "engen Zusammenarbeit" noch Raum bleibt für kritische Reflexionen über die zu vermittelnden Inhalte. Und ob die kritische Reflexion als Inhalt in der Weiterbildung selbst seinen Platz hat und behalten kann. Und es wurde darauf hingewiesen, dass die "enge Zusammenarbeit" bei der Entwicklung von Bildungsangeboten möglicherweise auf eine Verlagerung der ehemals betrieblichen Weiterbildungen in die Hochschulen hindeutet - was mehrere Implikationen hätte: Hochschulen sind weitgehend finanziert durch öffentliche Mittel, so dass diese Verlagerung bedeutet, dass nunmehr die Gesellschaft die Finanzierung von anwendungsorientierter Bildung übernimmt, die vormals von Betrieben übernommen wurde. Hinzu kommt, dass innerbetriebliche Bildungsmaßnahmen für die Beschäftigten in der Regel kostenlos waren und zumindest zum Teil während der Arbeitszeit stattfanden - und auch als Arbeitszeit betrachtet und entlohnt wurden. Beides steht mit Blick auf Weiterqualifizierung außerhalb der Betriebe zumindest in Frage und wird Gegenstand von Aushandlungsprozessen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten. Und diese Verlagerung hat möglicherweise geschlechtsbezogene Implikationen: Im Rahmen der doppelten Zuständigkeit von Frauen mit Familie für Erwerbsarbeit und Haushalt und Kinderbetreuung ist das Zeitbudget dieser Frauen in aller Regel mehr als gespannt; für die Teilnahme an Weiterbildungen außerhalb der Arbeitszeit - und d.h. zusätzlich zur Arbeitszeit - ist hier in den meisten Fällen kein Platz. Diesen kritischen Einwänden gegenüber steht, dass die Teilnahmebescheinigungen "überbetriebliche Zertifikate" sind, die auch "überbetrieblich verwertbar" sind.
Im Anschluss an die kritische Diskussion dieser Entwicklung im Bereich der postgradualen Weiterbildung stellten AbsolventInnen der Fachhochschule Magdeburg-Stendal verschiedene Projekte im Bereich Gesundheitswissenschaften an der Fachhochschule vor.
Insbesondere eines dieser Projekte sollte erwähnt werden: Unter dem Namen BIG (Bildungsverbund im Gesundheitssektor) wurde ein virtuelles Netzwerk, ein virtueller Bildungsverbund im Gesundheitssektor ins Leben gerufen und eingerichtet. Unter www.big-bildung.de finden Interessierte unter anderem (Weiter)Bildungsangebote im und für das Gesundheitswesen. Auch Diskussionsforen wurden eingerichtet. Gegenwärtig - auch dies sei noch erwähnt - finden sich unter dem Stichwort "Gesundheitswesen" (noch) überwiegend Angebote der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Der Fachtagung am Freitag schloss sich die Gründungsveranstaltung des Berufsverbandes Gesundheitsförderung am Samstag an.
Vor einem Plenum, das aus ca. 200 Personen - zumeist Studierende, davon etwa 80 % Frauen - bestand, wurde zunächst die Historie der Idee eines "Berufsverbandes Gesundheitsförderung" nachgezeichnet, die von den Studierenden und AbsolventInnen der FH Magdeburg "geboren" wurde. Diese waren es auch, die die Idee weiterentwickelten ... bis hin zur Gründungsveranstaltung des Berufsverbandes Gesundheitsförderung.
Bestärkt und unterstützt wurden die Studierenden und AbsolventInnen in ihrem Vorhaben, eine berufspolitische Interessenvertretung zu gründen, von Hartwig Laack vom Deutschen Berufsverband für soziale Arbeit e.V. (DBSH), der zur Kooperation und Vernetzung mit anderen Verbänden aufrief, und von Inès Brock, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Landesvorsitzende der Grünen in Sachsen-Anhalt und Mitglied im gesundheitspolitischen Ausschuss. Sie sprach sich im Rahmen ihres Beitrages für die Formulierung von Primärgesundheitskonzepten - orientiert am Salutogenesekonzept und gemeindepsychologischen Settingansätzen - aus und fasste die gesundheitspolitische Position der Grünen in Sachsen-Anhalt unter der Formel "Verhältnisprävention vor Verhaltensprävention" zusammen. Darüber hinaus plädierte sie für eine Stiftung für Gesundheitsförderung, aus deren Stiftungsfonds herausragende Projekte auf der Ebene der Krankenkassen, der Kommunen, Betriebe und anderen Träger gefördert werden sollten.
Den Vorträgen schlossen sich die Auseinandersetzung mit dem vorgelegten Entwurf der Satzung sowie die Gründung des Bundesverbandes Gesundheitsförderung e.V. an, der seinen Sitz an der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) in Magdeburg hat.
Martina Georg
DGVT-Bundesgeschäftsstelle
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