Förderung von Gesundheitskompetenz – Nachlese zur Statuskonferenz „Health Literacy“
Die Förderung von Gesundheitskompetenz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – so stellten es sowohl Dr. Ute Teichert, Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, als auch Dr. Beate Grossmann, stellvertretende BVPG-Geschäftsführerin, zu Beginn der Statuskonferenz „Health Literacy“ heraus.
Doch welche Ansätze werden dazu in der Praxis von Prävention und Gesundheitsförderung verfolgt? Und welche Weiterentwicklungen sind notwendig? U.a. diesen Fragen gingen 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 8. Oktober 2015 im Rahmen der BVPG-Statuskonferenz "Health Literacy" in Düsseldorf nach.
Für die DGVT hat Ute Sonntag teilgenommen.
Eine Einführung in das Themenfeld gab Marie-Luise Dierks, Professorin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie stellte das Health Literacy-Konzept vor und zeigte auf, dass sich Gesundheitskompetenz in einem sozialen bzw. gesellschaftlichen Kontext entwickelt. Dabei stellen sowohl der persönliche Zugang zu Gesundheit und der Umgang mit ihr, die individuellen Möglichkeiten zur Bewältigung von Krankheit, das soziale Umfeld, der Arbeitsplatz, das Gesundheitssystem als auch die Politik Bereiche dar, die den Aufbau von Gesundheitskompetenz beeinflussen. Zu beachten sei jedoch, dass die Chancen der Menschen auf eine gute Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft unterschiedlich verteilt sind und sich soziale Benachteiligung auch in einer niedrigen Gesundheitskompetenz zeigt.
Diesen Zusammenhang griff auch Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband, im Rahmen seines Vortrags auf. Anhand aktueller Studiendaten zeigte er, dass die Höhe der Gesundheitskompetenz von sozioökonomischen Faktoren abhängt. Einen Beleg dafür lieferte er u.a. mit der Studie zur Gesundheitskompetenz vulnerabler Gruppen in NRW. Demnach zählt in der Gruppe der bildungsfernen Jugendlichen weniger die eigene Schulbildung zu den prägenden sozioökonomischen Faktoren, sondern vielmehr die Bildung der Eltern und der Wohlstand der Familie.
Mit der Vorstellung des Projekts IROHLA (Intervention Research On Health Literacy among Ageing population) lenkte Theresia Rohde, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), den Blick der Teilnehmenden auf europäische Aktivitäten zur Steigerung der Gesundheitskompetenz älterer Menschen. Ziel des EU-Projekts ist es, evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis zu erarbeiten. Dazu entwickelte die BZgA u.a. ein Modell zur Gesundheitskompetenz sowie einen Leitfaden für die Datensammlung und Analyse von Interventionen.
Einblicke in die Praxis und Raum für Diskussionen boten insbesondere die Vorträge am Nachmittag. Mit dem INSEA-Programm (INitiative für SElbstmanagement und Aktives Leben) stellte Frau Prof. Dierks die deutsche Version des amerikanischen "Chronic Disease Self-Management Programs" (CDSMP) vor. Im Rahmen dieses Programms lernen chronisch erkrankte Menschen Wege und Methoden kennen, die ihre Selbstmanagementfähigkeiten verbessern - und dies mit Erfolg: Wie die Evaluationsergebnisse zeigen, steigerten sich u.a. die Energie, das Gefühl der Selbstwirksamkeit und das psychische Wohlbefinden der Teilnehmenden durch das Programm.
Dem Handlungsfeld "Gesundheitskompetenz in Unternehmen" widmete sich schließlich Dr. Peter Krauss-Hoffmann, Vertreter der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA). Im Rahmen seines Vortrags stellte er das Projekt "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" (psyGA) vor und zeigte auf, dass zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz im Betrieb sowohl die personale Ebene (Beschäftigte) als auch die organisationale Ebene (Betriebe) berücksichtigt werden müssen. Dazu hält die INQA niedrigschwellige Angebote wie Broschüren und E-Learning-Tools bereit.
Die abschließende Diskussion machte nochmals deutlich, dass die Steigerung von Gesundheitskompetenz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Hier gilt es, sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene adäquate Ansatzpunkte zu identifizieren, die zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz genutzt werden können. Hierbei ist es jedoch nicht ausreichend, lediglich Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens in die Pflicht zu nehmen; ebenso müssen das Bildungssystem, die Politik, die Arbeitswelt sowie weitere relevante Lebenswelten in eine gesamtgesellschaftliche Strategie eingebunden werden.