Frauengesundheitszentren in Deutschland müssen bestehen bleiben
Quelle: Rosa Beilage zur VPP 1/2002
Die gesundheitliche Situation von Frauen in Deutschland ist zunehmend von Verunsicherung geprägt. Die Erweiterung von Entscheidungsspielräumen im Bereich der Gesundheitsfürsorge, Krebsfrüherkennung, Krankheitsdiagnose und -behandlung, Unklarheiten bezüglich der medizinischen Notwendigkeit bei vorgeschlagenen Behandlungsmaßnahmen, widersprüchliche oder fehlende Forschungsergebnisse über frauenspezifische und gynäkologische Krankheiten sind einige Merkmale, die zu dieser Situation geführt haben.
Frauen brauchen Zugang zu Informationen, Beratung, Bildung und Begleitung, um das Gesundheitssystem adäquat und effektiv nutzen zu können. Häufige Fehl- und Überbehandlungen von Frauen wirken sich als Kostenfaktor aus. Sie sind vor allem auf eine fehlende Berücksichtigung von Lebenssituation und Lebensweisen von Frauen zurückzuführen.
Seit Mitte der 70er Jahre entwickeln Frauengesundheitszentren (FGZ) frauenspezifische Beratungskonzepte. Ziel ist, auf der Grundlage des Lebensweltenansatzes (WHO) die gesundheitlichen Eigenkompetenzen von Frauen und Mädchen zu stärken und Empowermentprozesse zu initiieren. In der aktuellen Situation der Gesundheitsversorgung stellen FGZ einen wichtigen Bestandteil unabhängiger Information, Beratung und Unterstützung von Frauen dar. Auf kommunaler wie bundespolitischer Ebene nehmen sie die Aufgabe wahr, frauengesundheitspolitische Forderungen einzubringen und Fraueninteressen zu vertreten. In regionalen Frauengesundheitsnetzwerken, z.B. Runde Tische sind die Erfahrungen und Analysen von FGZ wichtiger Bestandteil der inhaltlichen Arbeit.
Das Konzept, mit Engagement und Flexibilität und jeweils an den Bedürfnissen von Frauen orientiert, die zeitgemäß wichtigen Themen der Frauengesundheit kritisch aufzugreifen und in Beratungs- und Bildungsangebote für Frauen umzuwandeln, hat sich in 25 jähriger Gesundheitsarbeit bewährt. Die besondere Stärke dieses Konzeptes liegt in der Verknüpfung von psycho-sozialer Beratung einerseits mit sowohl medizinischen Inhalten wie auch mit einer geschlechtsspezifischen Sichtweise andererseits. Dass die Konzepte im Gesundheitswesen Anerkennung finden, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass sie von vielen Einrichtungen und Institutionen, wie Krankenkassen und Volkshochschulen übernommen wurden. Mehr und mehr etabliert sich die Kooperation mit MedizinerInnen , indem sie Frauen an FGZ verweisen, die Informationsmaterialien nutzen oder gemeinsame Veranstaltungen planen. Hier zeigt sich, wie die Verbesserung einer frauenspezifischen Gesundheitsversorgung Schritt für Schritt verwirklicht werden kann. FGZ vermitteln zwischen den Gesundheitsbedürfnissen von Frauen und den Angeboten des gesundheitlichen Versorgungssystems.
Dennoch ist die finanzielle Ausstattung der FGZ vollkommen unzureichend, und sie verschlechtert sich zunehmend aufgrund kommunaler Kürzungen. Viele FGZ sind in ihrem Bestand immer wieder gefährdet - einige mussten bereits schließen. Aktuell ist ein weiteres FGZ von der Schließung bedroht, 3 andere erhalten keine Stellenfinanzierung und bestreiten die anfallenden Arbeiten zum großen Teil ehrenamtlich. Dieser Zustand begrenzt die Wirkungsmöglichkeiten der Zentren sehr. Trotzdem werden bereits auf diesem Niveau jährlich über 70.000 Frauen durch die Angebote persönlich erreicht.
Mit ihren selbsthilfeorientierten Präventionskonzepten tragen FGZ zur Kosteneinsparung im Gesundheitswesen bei. Die öffentlichen Mittel, von denen sie in der Hauptsache getragen werden, stehen dabei in geringem Verhältnis zum Ausmaß dieser Kosteneinsparung. Eine von Prof. Dr. Dagmar Schulz im Auftrag des BMFSFJ in Auftrag gegebene Expertise über die "Gesellschaftliche Bedeutung von Frauengesundheitszentren in Deutschland" zeigt sehr deutlich: Professionalität, Qualität und Quantität frauenspezifischer Gesundheitsarbeit steigen an, wenn sie durch Einrichtung von Personalstellen und Zuwendungen für Sachmittel langfristig abgesichert sind. In den Städten, in denen FGZ kommunalpolitisch verankert sind, stellen sie eine kostengünstige und unentbehrliche Ergänzung der medizinischen Versorgung von Mädchen und Frauen dar.
FGZ dürfen nicht dem allgemeinen Sparkurs von Kommunen und Länderregierungen zum Opfer fallen. Der von ihnen erbrachte Beitrag zur Verbesserung der Frauengesundheitsversorgung muss vom Gesundheitsministerium anerkannt werden. Ihr Bestand muss durch eine zufriedenstellende Versorgung mit Personalstellen und Sachmittelförderung gesichert werden.
Dachverband der Frauengesundheitszentren