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Wolfgang Stark

Gemeindepsychologie als lernende Gemeinschaft - trotz Globalisierung?

01. Februar 2007

Nachlese zur 5. Europäischen Konferenz für Gemeindepsychologie, 16.-19. September 2004 an der Freien Universität Berlin

 

Soziale Verantwortung im Zeitalter der Globalisierung lernende Gemeinschaften, Empowerment und Lebensqualität das Thema der Tagung und die Tatsache, dass dies eine Tagung in englischer Sprache sein sollte beides war für die Veranstalter ein Experiment, das im Vorfeld für einige kritische Stimmen sorgte. Aufgegriffen wurde mit der Themenstellung der Tagung ein Zitat von Kofi Annan, der soziale und ökologische Verantwortung als einen der Schlüsselbegriffe für eine zukünftige globale Zivilgesellschaft bezeichnet. Fragen, wie soziale Verantwortung vor dem Hintergrund einer vermeintlichen ökonomischen "Gobalisierungsfalle" und der globalen kommunikativen Vernetzung auch lokal gelebt werden kann, mit welchen Konzepten welche Chancen genutzt werden können und welche (neuen?) Partner dazu benötigt werden, wurden diskutiert. Im Mittelpunkt standen dabei zwei Herausforderungen: der Umgang mit der Ökonomisierung des Sozialen, die weltweit zu schmerzhaften Einschnitten führt und neue Konzepte und Partner in der Sozialpolitik fast erzwingt; und die Bildung lernender Gemeinschaften nicht nur innerhalb, sondern auch zwischen unterschiedlichen Akteuren (Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft), um nicht nur die Schattenseiten einer sich globalisierenden Welt zu bekämpfen, sondern auch die darin liegenden Chancen zu ergreifen. Damit wurde bei dieser Tagung auch die Frage nach einer notwendigen konzeptionellen Weiterentwicklung der gemeindepsychologischen Perspektive gestellt, die sich bislang gegenüber den oben genannten Herausforderungen eher defensiv verhalten hat. Vor dem Hintergrund der von Jarg Bergold zu Beginn der Tagung beeindruckenden historischen Darstellung der Entwicklung der Gemeindepsychologie sowohl aus der Klinischen Psychologie als auch aus den gesellschaftlichen Reformbewegungen heraus, scheint diese Frage mir auch für die in Berlin angekündigte Gründung einer "European Association for Community Psychology" die zentrale Herausforderung zu sein.

Eine Menge Rüstzeug dafür brachten die Akteure in Berlin bereits mit: am wichtigsten waren für mich die Diskussionen im Anschluss an die Vorträge von Steve Waddell (Boston) zur Bildung von Global Action Networks, die eine Grenzüberschreitung zwischen staatlichen Aufgaben, wirtschaftliche Interessen und den Forderungen nach Gerechtigkeit/Nachhaltigkeit der sozialen/ökologischen Initiativen nahe legen und von Paul Duckett (Manchester) zur globalisierten Gewalt (Afghanistan, Irak), der deutlich machte, wie notwendig eine aktuelle theoretische/ethische Fundierung für eine Gemeindepsychologie ist, die den Anspruch erhebt, aktuelle gesellschaftspolitische Themen wissenschaftlich und praktisch zu bearbeiten. Gelegenheit zur weiteren Diskussion gab es in den Symposia zu Corporate Citizenship (Stark, Bluszcz), Gewalt in der Stadt (Leithäuser, Fryer), Soziale Repräsentation (Flick) und Werte und Sense of Community (Bobzien, Sanchez) und beim Vortrag von Gert Sommer (Marburg) zur Frage der Menschenrechte. Die Besonderheit von Gemeindepsychologie besteht im politisch bewussten Aufgreifen aktueller gesellschaftspolitischer Debatten (wie auch die Beiträge von Saul Fuks (Argentinien) und Bernardo Jimenez-Guiterrez (Mexiko) zeigten) und der Verbindung mit psychosozialen Herausforderungen des Zusammenlebens von Menschen. Nicht nur bei diesen eher klassischen gemeindepsychologischen Themen wurde deutlich, dass die Frage der Partizipation und der (Mit)Gestaltungsmöglichkeiten der Menschen sowie der diversity mehr denn je eine zentrale Rolle für gemeindepsychologische Wissenschaft und Praxis spielt. Sie wurde in einer Reihe von Symposien unter verschiedenen Blickwinkeln (Beratung und soziale Netzwerke (Engel, Nestmann, Schürmann), Community Services (Achberger, Iversen, Skutle), Diversity und Gemeindepsychologie (Jeschke, Riger), Empowerment und Partizipation (Francescato), Partizipation von NutzerInnen (Zaumseil, Seckinger), Kinder und Jugendliche (Degirmencioglu) und nachhaltige Stadtteilentwicklung (Arcidiacono, Legewie)) thematisiert. Insbesondere die Frage der lernenden Gemeinschaften in Stadtteilen wurde nicht nur von Hartmut Häussermann (Berlin, Paris) in seinem Vortrag thematisiert, sondern auch bei der von Heiner Legewie und Ingeborg Schürmann organisierten Exkursion in einen Berliner Stadtteil oder durch die beeindruckende tagungsbegleitende Foto-Ausstellung über historische Stadtteile in Florenz, Neapel und Berlin (Arcidiacono, Legewie, Mordini, Dienel). Stefanie Riger (Chicago) unterstrich in ihrem Beitrag die Bedeutung von "cultural diversity" für die Gemeindepsychologie, deren Verständnis die Basis für die Entwicklung lernender Gemeinschaften darstellt.[3]

Die in dieser Hinsicht bewegendste Erfahrung kam überhaupt nicht aus der professionellen Gemeindepsychologie: Der am ersten Abend exklusiv für die Tagung gezeigte Dokumentarfilm "Rythm is it!" ist ein ungeheuer beeindruckendes Beispiel für die Bildung einer Gemeinschaft mit künstlerischen Mitteln (250 Berliner Kinder und Jugendliche aller sozialen und ethnischen Herkünfte erarbeiten sich unter Leitung von Royston Maldoon und den Berliner Philharmonikern (Sir Simon Rattle) Strawinsky´s Ballett "Le Sacre du Printemps" innerhalb von sechs Wochen bis zur Aufführung) und zeigt die Kraft von Grenzüberschreitungen auf vielfältige Weise.

Unbemerkt von den Tagungsteilnehmern kam fast gleichzeitig zur Tagung mit dem "Glossar der Gegenwart" (Bröckling, Krasmann & Lemke 2004) ein kleines Büchlein in die Buchhandlungen, in dem fast alle Schlüsselwörter des Tagungsthemas einer kritischen soziologischen Analyse unterzogen wurden. Bei der Lektüre kurz nach der Tagung fällt auf, wie sehr klassische und moderne gemeindepsychologische Begriffe und Konzepte (wie z.B. _community, _empowerment, _soziale Netzwerke, aber auch _Beratung, _Partizipation oder _Nachhaltigkeit) heute kommunikatives Allgemeingut geworden sind. Gleichzeitig zeigt die Lektüre auch die Widersprüchlichkeit der Gemeindepsychologie, die von ihrem Ursprungsland (USA) aus seit den 60/70er Jahren mit ihren Diskursen und wissenschaftlichen Ergebnissen eine durchaus erfolgreiche weltweite Entwicklung genommen hat, unter dem Titel "Gemeindepsychologie - community psychology" jedoch immer eine kleine und inselartige, international aber offensichtlich aktive Gruppe geblieben ist.

Heute finden sich gemeindepsychologische Netzwerke und Ansätze in ganz Europa, Latein- und Südamerika, Australien/Neuseeland und teilweise auch Asien: die Vielfalt der Beiträge und der Teilnehmer spiegelten dies während der Konferenz wieder und trugen dadurch auch zum Erfolg der Veranstaltung bei. Die Zahl von über ca. 250 Teilnehmern ist für den europäischen Maßstab nicht groß - dass sich aber hier ExpertInnen aus 23 Ländern (u.a. Japan, Neuseeland, Australien) in Berlin getroffen und wissenschaftlich wie praktisch ausgetauscht haben, und damit aus einer als europäisch geplanten Tagung eine Konferenz mit Teilnehmern aus aller Welt gemacht haben, das hat selbst die Veranstalter überrascht. Im Vergleich zu den vorangegangenen europäischen Tagungen (Rom 1995, Lissabon 1998, Bergen 2000, Barcelona 2002) hat sich für mich hier deutlich ein Trend zu einer internationalen Aktivierung der Gemeindepsychologie gezeigt. So war auch der Begriff Kongress, der bei den früheren Veranstaltungen benutzt wurde, nicht mehr zutreffend: mit mehr als 130 Beiträgen, 11 Symposien und mehreren Diskussionsrunden gab es nur wenige Teilnehmern, die keinen aktiven Part spielten. Berlin 2004 hatte hier viel mehr den Charakter einer lebendigen Konferenz, bei der die Teilnehmer in kleinen Gruppen oder auch im täglich moderierten "European Café" (tägliche Großgruppenveranstaltung, um die Erkenntnisse des Tages auszutauschen) versuchten, subjektiv - zunächst für sich selbst - die Perspektive einer neuen Gemeindepsychologie zu verorten, die sich im Übergang von der Betonung des Werts lokaler Gemeinschaften zur Bedeutung von globalen Gemeinschaften befindet. Vielleicht war diese Konferenz ein Zeichen dafür, dass die internationale professionelle "Inselwelt" der Gemeindepsychologie langsam zu einer globalen virtuellen Gemeinschaft heranwächst, die auch die neuen Chancen einer globalen und lokalen Vernetzung zu nutzen versteht, die Donata Francescato in ihrem Beitrag so engagiert zu verdeutlichen wusste.

Die Konferenz hat auch inhaltlich gezeigt, dass Gemeindepsychologie einen vergleichsweise weitreichenden Wirkungskreis entfalten kann: in der jungen Geschichte der Gemeindepsychologie finden sich zahlreiche Ansätze und Diskurse, die weit über die engen disziplinären Grenzen eines Faches gewirkt haben.
Konzeptionell hat Gemeindepsychologie von Anfang an die Ebenen unterschiedlicher sozialer Systeme mit eingeschlossen (Organisationen, Stadtteil/Quartier, Gesellschaft). Bereits 1977 fasste Julian Rappaport die Ergebnisse der zweiten gemeindepsychologischen Konferenz in Austin folgendermaßen zusammen:

"der eigentliche Schlüssel zu sozialer Veränderung liegt in den Werten, Zielen und Eigenschaften, sowie dem politisch-ökonomischen und sozialpolitischen Verständnis, die die Grundlage für Organisationen und Institutionen bilden." (Rappaport, 1977, p. 180). Obwohl diese frühe Erkenntnis der Gemeindepsychologie in den folgenden Jahren auf der programmatischen Ebene immer wieder betont wurde, folgten bisher jedoch nur wenige konkrete Konsequenzen: weit über 80% gemeindepsychologischer Lehre, Forschung und Praxis findet auch heute noch auf der individuellen Ebene oder Gruppenebene statt. Vielleicht haben die Diskussionen in Berlin nicht nur zu einem neuen Verständnis der Internationalität der gemeindepsychologischen Gemeinschaft geführt, sondern verführen diese "community of community psychologists" auch dazu, sich proaktiv mit den Herausforderungen einer zukünftigen globalen Zivilgesellschaft zu beschäftigen und ihr konzeptionelles Ideengebäude in Richtung einer lernenden Gemeinschaft weiter zu entwickeln[4].

Referenzen:

Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hg.): Glossar der Gegenwart. Edition Suhrkamp: Frankfurt 2004
Rappaport, Julian: Community Psychology: Values and Ethics. In: Bloom, Bernard; Iscoe, Ira & Spielberger, Charles (eds.): Community Psychology in Transition. New York: Wiley 1977


 

[1] Finanziell und logistisch wurde die Konferenz unterstützt durch die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die GGFP (Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis), die Freie Universität Berlin und die Universität Duisburg-Essen.

[2] Veranstalter: ENCP (European Network of Community Psychology, GGFP (Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis) und die NGfP (Neue Gesellschaft für Psychologie). Die Tagungsleitung (Jarg Bergold, Wolfgang Stark) dankt den Mitgliedern des Organisationskomitees in Berlin für ihre unverzichtbare Unterstützung: Asita Bezhadi, Uwe Flick, Fabiana Graieb, Anja Herrmann, Britta Hunger, Karin Jeschke, Heiner Legewie, Birgit Mathiske, Heinke Möller, Heike Ronowski, Inge Schürmann, David Vossebrecher, Viola Wedler, Julia Wiefel und Manfred Zaumseil

[3] Die Abstracts aller Beiträge sind noch auf der Internetseite der Konferenz (www.encp-congress-berlin.de ) zu finden. Dort gibt es auch die wunderbare Fotodokumentation der Konferenz von Ulrike Bergold zu sehen.

[4] Nächste Tagungen:

  • 10.-12. Juni 2005 Jahrestagung der GGFP 2005 auf Schloss Thurnau/Oberfranken (Infos über Manfred Zaumseil, email: zaumseil@zedat.fu-berlin.de )
  • 9.-12. Juni 2005: 10th Biennial Conference der Society for Community Research and Action, University of Illinois at Urbana-Champaign, USA (Info: Mark Aber , email: maber@uiuc.edu )
  • September 2005: European Association of Community Psychology (EACP)  Business Meeting and Summer School in Naples, Italy (Info: caterina.arcidiacono@fastwebnet.it )
  • 2006: Community Psychology World Congress in Puerto Rico/USA
  • 2007: European Conference on Community Psychology in Manchester/UK