Gemeinsamer Aufruf der Verbände zu Ganztagsangeboten für Schulkinder
Die Entwicklung und Ausweitung von Ganztagsangeboten für Schülerinnen und Schüler ist sozialpolitisch und bildungspolitisch eine unabweisbare und dringende Aufgabe. Zu ihrer bedarfs- und bedürfnisgerechten Ausgestaltung und fachlich angemessenen Bewältigung sind nicht unerhebliche zusätzliche Ressourcen erforderlich. Konsens ist in der bildungspolitischen Diskussion, dass dabei auch dem Ausbau von Ganztagsschulen eine besondere Bedeutung zukommt.
Aktuelle Bestrebungen, sich den damit gegebenen Anforderungen bloß legitimatorisch durch Billiglösungen zu entziehen, die den konzeptionellen Herausforderungen nicht gerecht werden, die mit dem Ausbau der Ganztagsbetreuung verbunden sind, sondern sogar vorhandene Tagesbetreuungsangebote abschaffen oder gefährden, sind weder familienpolitisch noch jugend- oder bildungspolitisch hinnehmbar.
Es darf nicht übersehen werden, dass ein Ausbau von Ganztagsschulen grundlegende Probleme aufwirft, für die tragfähige Lösungen noch nicht gefunden wurden.
Offene Fragen sind insbesondere:
- Wird das Angebot umfassend als verpflichtendes Schulangebot ausgestaltet oder als Angebot mit Wahlchancen für Eltern und Kinder und Jugendliche?
- Wie verhält sich das Angebot zu den Freizeit-, Mobilitäts-, Gestaltungs- und Beziehungswünschen von Kindern und Jugendlichen?
- Wie wird die regional unterschiedlich gewachsene Angebotsstruktur der Kinder- und Jugendhilfe in die Entwicklung einbezogen?
- Wie werden Fragen der Kosten und Finanzierung geregelt? Werden Wahlmöglichkeiten und Zugangschancen durch unverhältnismäßig hohe Kosten für Familien hintergangen?
Die seit Jahren herrschende Stagnation beim Ausbau von Ganztagsbetreuungsplätzen muß aufgelöst werden. Das Modell einer Ganztagsschule kann jedoch nicht die Verlängerung der Schule in den Nachmittag hinein sein. Unterschiedliche und durchaus legitime Interessen gilt es zu berücksichtigen:
- Mädchen und Jungen, die nicht ganztägig auf die Schule und ihre Räume
verwiesen sein wollen, die Interessen jenseits der dort vorfindbaren Angebote
leben wollen - Eltern, die eine verlässliche Ganztagsbetreuung ihrer Kinder wünschen und
brauchen - Eltern, die ihre Erziehungsverantwortung dennoch nicht ganztägig an eine staatliche Pflichtveranstaltung abtreten wollen
- Schulen, die Lernformen jenseits vormittaglicher 45 Minuten Takte entwickeln möchten und neue Bildungsinhalte aufschließen möchten
- Kinder- und Jugendhilfeangebote, die ihre Erfahrungen, Möglichkeiten und Grundorientierungen in die Gestaltung von Lebenswelten und Bildungs-und Betreuungsangeboten für Kinder und Jugendliche einbringen wollen.
In dieser Situation fordern wir:
- Solange nicht qualitativ und quantitativ bessere Ganztagsangebote erarbeitet und etabliert sind, sind die bestehenden Betreuungsangebote und -formen zu erhalten und zu fördern. Wir wenden uns gegen fachlich und organisatorisch unzureichende Billigbetreuungsangebote, die als "Ganztagsschule" vermarktet werden. Wir wenden uns ebenso gegen Praktiken, Eltern die Inanspruchnahme von Tageseinrichtungen durch die Erhöhung von Teilnahmebeiträgen zu verleiden und sie dann auf unzureichende und unzuverlässige Billigvarianten von Betreuung zu verweisen.
- Es ist umgehend eine bundesweite Studie über die derzeit bestehenden Ganztagsschulangebote zu erstellen, die die bisherigen unterschiedlichen Lösungsansätze analysiert und dabei auch die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen einbezieht. Nur so kann wichtiges empirisches Material in die gegenwärtigen Debatten eingebunden werden.
- Ganztagsschulen dürfen weder "Schule über den ganzen Tag" sein, noch bloße Aufsicht darstellen. Sie müssen in fachlicher und institutioneller Kooperation von Schule und Trägern der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt und bereitgestellt werden. Sie müssen Orte des Lernens und des Erlebens sein mit Gleichaltrigen und mit Erwachsenen. Die Angebotsvielfalt von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe und Schulen ist dabei unbedingt zu erhalten.
- Es sind Ganztagsschulen als Modelle weiterzuentwickeln, die auf der Grundlage eines pädagogischen Konzeptes bessere Bedingungen für eine individuelle Förderung bieten und Chancengleichheit herstellen. Sie bedürfen der mit Blick auf die oben aufgezeigten Strukturkonflikte einer sorgfältigen Evaluation.
- Sowohl auf Landesebene wie auch auf der Ebene der Kommunen müssen umgehend verbindliche Strukturen der gleichberechtigten Kooperation von Schule und Kinder- und Jugendhilfe geschaffen werden, in denen verschiedene Kooperationsmodelle und Evaluationsmaßstäbe für Ganztagsangebote erarbeitet und erprobt werden.
Frankfurt/Main, 08.11.2002
DER PARITÄTISCHE WOHLFAHRTSVERBAND (DPWV)
ADRA Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe e. V.
Albert-Schweitzer-Verband der Familienwerke und Kinderdörfer e. V.
Allgemeiner Behindertenverband in Deutschland e. V.
Arbeiterwohlfahrt - Bundesverband e. V.
Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V.
Bund der Deutschen Landjugend
Bund der Freien Waldorfschulen
Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e. V.
Bundeselternvereinigung für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie e.V.
Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V.
Bundesverband spanischer sozialer und kultureller Vereine e. V.
Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e. V. (BKJ)
Deutsche Epilepsievereinigung - Bundesgeschäftsstelle e. V.
Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e. V.
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie e. V. (DGVT)
Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie
Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft-Jugend e. V.
Deutscher Didacta Verband e. V. Verband der Bildungswirtschaft
Deutscher Kinderschutzbund - Bundesverband e. V.
Deutscher PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband - Gesamtverband e. V.
Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf e. V.
Deutscher Verein für Gesundheitspflege e. V.
Deutsches Rotes Kreuz - Generalsekretariat
Ganztagsschulverband GGT e. V.
Hilfswerk der Deutschen Unitarier - Gesamtverband - e. V.
Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten e. V.
Naturfreundejugend Deutschlands
pro familia - Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik + Sexualberatung - Bundesgeschäftsstelle e. V.
Sozialwerk des Demokratischen Frauenbundes (Dachverband) e. V.
Verband berufstätiger Mütter e. V.
Verband der Sozialwerke der Christengemeinschaft e. V.
Verband Deutscher Schullandheime e. V.
Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und Soziale Arbeit e. V.
ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, Bundesfachgruppe Sozial-, Kinder- und Jugendhilfe
Zentralkomitee der deutschen Katholiken ZdK