Immer mehr Krankentage durch psychische Leiden
Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen nimmt weiterhin zu. Das belegen die neuen Statistiken der DAK-Gesundheit (Deutsche Angestellten Krankenkasse), des BKK (Betriebskrankenkassen) Bundesverbands, der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und des Robert-Koch-Instituts. Dessen ungeachtet sind die Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten nach wie vor viel zu lang. Und die Politik macht keine Anstalten, daran etwas zu ändern.
Die DAK ist eine der größten gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland und hat 6,5 Millionen Mitglieder. Ausgewertet wurden Krankschreibungen von 2,7 Millionen erwerbstätigen Versicherten und als „Gesundheitsreport“ veröffentlicht. Die auffälligste Entwicklung: Psychische Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit nehmen seit 15 Jahren kontinuierlich zu. Der häufigste Grund für Krankschreibungen sind Rückenschmerzen (Frauen: 21 %, Männer: 25 %). Die zweithäufigste Ursache sind bei Frauen psychische Erkrankungen (17 %) und bei Männern Verletzungen (17 %). Der dritthäufigste Grund sind Erkrankungen des Atmungssystems.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der BKK-Gesundheitsreport. Der BKK-Bundesverband erfasst und analysiert die gesundheitlichen Befunde von 4,8 Millionen beschäftigten Pflichtmitgliedern. Fehltage wegen psychischer Leiden sind im Jahr 2012 um 10 % gestiegen. Keine andere Krankheitsart weist solche dynamischen Steigerungsraten auf. Zum ersten Mal stehen psychische Erkrankungen mit 13 % aller Krankentage an dritter Stelle nach Rückenleiden und Atemwegserkrankungen. Vor rund 30 Jahren tauchten sie in den Gesundheitsstatistiken kaum auf (1976: 2 %).
Der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wertet Befragungen von rund 18.000 Erwerbstätigen differenziert nach Alter, Geschlecht, Arbeitszeitumfang, Position, Wirtschaftszweigen und Berufen aus. Auch hier die gleichen Befunde: 2011 wurden bundesweit 59,2 Mio. Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert. Das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den letzten 15 Jahren. 41 % aller Neuzugänge zur Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit waren auf psychische Störungen zurückzuführen. Psychische Belastungen sind damit inzwischen Ursache Nummer eins für Frühberentungen.
Und last but not least noch die Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) vom Robert-Koch-Institut (RKI). Das RKI ist ein Bundesinstitut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG). Eine Zusatzuntersuchung zur psychischen Gesundheit wurde von 2008 bis 2011 durchgeführt. Jeder vierte männliche und jede dritte weibliche Erwachsene litt im Erhebungsjahr zumindest zeitweilig unter voll ausgeprägten psychischen Störungen. Am häufigsten sind Angst- und depressive Störungen gefolgt von Substanz- und somatoformen Störungen und (bevölkerungsbezogen eher selten) posttraumatischen Belastungsstörungen, bipolare, psychotische, Zwangs- und Essstörungen.
Die Studien beschäftigen sich natürlich auch mit den Ursachen für den rasanten Anstieg an psychisch bedingten Krankschreibungen. Die DAK stellt fest, dass eine besonders betroffene Branche – sic! – das Gesundheitswesen ist. Dies könnte mit den Arbeitsbedingungen (Schichtarbeit im Krankenhaus) und dem hohen Arbeitsdruck (zu wenig Personal) zusammenhängen. Auch prekäre und kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse verschärfen psychische Belastungen.
Der BAuA-Stressreport nennt als zentrale Belastungsfaktoren: verschiedene Arbeiten gleichzeitig betreuen / Multitasking, starker Termin- und Leistungsdruck, ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge, Überforderung sowie Arbeitsunterbrechungen und Störungen. Über Stress berichteten sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter. Handlungsbedarf zeigen die Daten beim Thema Erholung. So lasse mittlerweile jeder vierte Befragte seine gesetzlich vorgeschriebene Pause ausfallen, obwohl Erholung wichtig für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten sei. Deutliche Auswirkungen auf die Gesundheit hätten auch die vielen Restrukturierungsprozesse von Unternehmen, die besser durch das Management begleitet werden müssten.
Einen Sonderstatus nimmt das in der Öffentlichkeit viel diskutierte Burn-out-Syndrom ein: In der ICD-10 wird Burn-out lediglich als Einflussfaktor erfasst und nicht als selbständige Krankheit, teilt die BKK mit. Die Arbeitsunfähigkeiten beziehen sich auf den ICD-Schlüssel Z73 – „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“. Gleichwohl stiegen in sieben Jahren, von 2004 bis 2011, die Fehltage aufgrund von Burn-out um das Zwanzigfache. Ähnliches vermeldet die DAK: „Von einem AU-Volumen nahe null im Jahr 2004 erfährt das Burn-out-Syndrom einen steilen Aufstieg und verzeichnet im Jahr 2012 zehn Fehltage pro 100 Versicherte.“
Entwickeln sich die Deutschen allmählich zu einem Volk von psychisch Kranken? Diesen Eindruck erwecken die Statistiken, doch dem sei nicht so, meint die DAK. Epidemiologische Studien lassen darauf schließen, dass psychische Störungen seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verteilt sind. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich einmal damit, dass die Ärzteschaft heute sensibilisiert ist und eher psychische Diagnosen stellt in Fällen, in denen man früher „Rückenschmerzen“ oder „Magenschmerzen“ erkannt hätte. Zum anderen sind auch die Patienten sensibilisiert und eher bereit, Diagnosen aus dem psychischen Bereich zu akzeptieren. Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin, bestätigt zwar „Es gibt keine Hinweise darauf, dass heute mehr Menschen psychische Störungen haben als vor 20 Jahren.“ Jedoch bleibt festzuhalten, dass die Morbidität, d.h. die Häufigkeit der ärztlich/psychotherapeutisch diagnostizierten psychischen Krankheiten in den zurück liegenden Jahren erheblich gestiegen ist, wie die erwähnten Statistiken unisono aufzeigen.
Wie dem auch sei: 2011 wurden 59,2 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen registriert. Dies führte, so der erwähnte Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz, zu einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10,3 Milliarden Euro und Produktionsausfallkosten in Höhe von 5,9 Milliarden Euro. Wenn sich die Politik schon nicht durch seelische Not der Menschen aufrütteln lässt und die Versorgungsstrukturen dem aktuellen Bedarf anpasst, dann vielleicht durch den alarmierend hohen volkswirtschaftlichen Schaden?
Angela Baer