Interview mit der ehemaligen Kammerpräsidentin Gisela Borgmann, Berlin
Gisela Borgmann, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, hat zunächst in Bonn und dann in Berlin studiert. Nach dem Studium ist sie in Berlin geblieben und arbeitete zunächst in einer Suchtberatungsstelle und danach in einer Kinder- und Familienberatungsstelle und seit 1994 in eigener Psychotherapeutischer Praxis in Charlottenburg. Berufspolitisch hatte sie sich bereits im Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin von 1999 bis 2001 engagiert und war auch Mitglied des Errichtungsausschusses der Landespsychotherapeutenkammer. Am 6. Dezember 2001 wurde sie zur Präsidentin gewählt. Von diesem Amt trat sie im September 2004 aus persönlichen und familiären Gründen zurück.
Gisela Borgmann stand damit mehrere Jahre im Zentrum der berufspolitischen Diskussionen, die in Berlin und in der Kammer dort bekanntlich besonders intensiv geführt werden.
Wir haben im Oktober ein Gespräch mit ihr geführt, um über ihre Erfahrung in den zurückliegenden Jahren und Überlegungen zu den weiteren Perspektiven der PsychotherapeutInnen in der Gesundheitsversorgung zu sprechen.
Frage: Was hat Sie bewogen, sich für das Amt als Präsidentin nominieren zu lassen?
Borgmann:
Die Idee, das Gemeinsame der vielfältigen (Verbände) Landschaft der Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in der Darstellung nach außen zu bündeln. Eine Psychotherapeutenkammer bot und bietet neue Möglichkeiten, gerade die gemeinsamen Interessen der Mitglieder deutlicher hervorzuheben und durchzusetzen. Was unsere Berufe vordringlich brauchen, ist eine gemeinsame berufliche Identität und hier kann die Kammer einen wesentlichen Beitrag leisten.
Eine Herausforderung waren natürlich auch die spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten eines standespolitisches Organs im gesundheitspolitischen Feld.
Und nicht zuletzt, ich finde, Psychotherapeutin zu sein, ist ein wunderbarerer Beruf, für den es lohnenswert ist, sich zu engagieren.
Frage: Welche Ziele hatten Sie sich für die ersten 2 Jahre gesteckt gehabt?
Borgmann:
Erst einmal musste die Basis geschaffen werden: eine Geschäftsstelle mit Personal, Möbeln und Mitgliederverwaltung. Dann mussten die internen ehrenamtlichen Strukturen wie Ausschüsse, Arbeitskreise, Schlichtungsstelle konstituiert und ein lebendiger Dialog initiiert werden.
Zur Aufbauarbeit gehört auch, sich bei Politik, Senat und Kassen als konstruktiver Ansprechpartner einzuführen, um sich bei psychotherapierelevanten Fragestellungen einzubringen oder dafür zu sorgen, einbezogen zu werden.
Wichtig war mir auch, möglichst schnell ein seriöses Procedere für Patientenbeschwerden zu etablieren.
Erst danach konnten wir stärker nach außen gehen und den Nutzen von Psychotherapie in der Öffentlichkeit klarer darstellen. Neben Lobbytätigkeit halte ich Öffentlichkeitsarbeit für besonders wichtig. Psychotherapie hat ein erheblich besseres Ansehen als noch vor 20 Jahren. Daran gilt es anzuknüpfen und noch bestehende Vorurteile weiter abzubauen. Geplant war eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und eine Kampagne mit Flyer und Postern.
Von Anfang an war die gute Zusammenarbeit mit den anderen Länderkammern ein wichtiges Ziel, das in der Gründung der Bundespsychotherapeutenkammer mündete.
Frage: Wie weit konnten Sie diese Ziele erreichen?
Borgmann:
Die Ziele waren überwiegend realistisch gesteckt. Ihre Umsetzung hat manchmal allerdings doch mehr Aufwand erfordert als erwartet, so dass dann im Zweifel doch wieder die Öffentlichkeitsarbeit darunter litt.
Besonders ärgerlich finde ich, dass wir kein Versorgungswerk gründen konnten, weil die SPD in Berlin uns die notwendige Gesetzesänderung verwehrt.
Frage: Wovon hängt nach Ihrer Erfahrung eine effektive Kammerarbeit ab?
Borgmann:
Von guter Kommunikation und Überzeugungsarbeit.
Wir haben gute und wissenschaftlich abgesicherte Argumente für die Wirksamkeit von Psychotherapie, die wir selbstbewusst und schnörkellos darstellen müssen. Das könnten wir noch besser vermitteln. Allerdings bedeutet das, relativ komplexe Zusammenhänge einfach darzustellen, was nicht immer leicht fällt.
Im übrigen empfiehlt es sich manchmal, Bretter nicht ausgerechnet an der dicksten Stelle zu bohren, da ist man manchmal ganz erstaunt, was geht.
Frage: Was heißt eigentlich effektive Kammerarbeit?
Borgmann:
Da möchte ich auf verschiedenen Ebenen antworten:
Es bedeutet für die Mitglieder, dass sie das Gefühl haben, etwas für ihr Geld zu bekommen. Ich sehe es als Hauptaufgabe einer Kammer an, eine gute Serviceleistung zu erbringen. Stichworte sind hier persönliche Beratung, Auskunft und Unterstützung der Mitglieder, Besetzen wichtiger Themen auf Landesebene, interessante Veranstaltungen und Veröffentlichungen, Management der Patentenbeschwerden, Errichtung eines Versorgungswerkes.
Es bedeutet nach innen, also Delegiertenversammlung und ihre Gremien, so zu moderieren, dass aus mitunter divergenten Ausgangslagen konsensfähige Positionen entstehen.
Es bedeutet nach außen, die Psychotherapeutenkammer als wichtigen Gesprächspartner zu präsentieren, der im Konzert der Gesundheitspolitik einen unverkennbaren Ton einbringt.
Frage: Gibt es Dinge, die Sie heute anders machen würden?
Borgmann:
Im Grunde nein. Ich habe wieder und wieder überlegt, ob es besser gewesen wäre, bei unserer knappen Mehrheit in Berlin alle Fraktionen in den Vorstand einzubeziehen. Und ich wünsche mir auch, dass wir auf Dauer alle Konsens orientiert miteinander arbeiten können. Wenn ich mir allerdings die heftigen Auseinandersetzungen in anderen Zusammenhängen anschaue, dann komme ich doch zu dem Schluss, dass effektives Arbeiten, wie in unseren Zielen beschrieben, nicht möglich gewesen wäre. Das bedauere ich, wohlwissend, dass auch ich an all dem beteiligt bin.
Frage: Würden Sie sich wieder für das Amt der Präsidentin zur Verfügung stellen?
Borgmann:
Ich habe mich gern für unseren Beruf in dieser Position engagiert. Das Amt habe ich schweren Herzens aus privaten Gründen aufgegeben, und solange meine persönlichen Koordinaten nicht neu geordnet sind, stellt sich für mich diese Frage nicht.
Frage: Wo sehen Sie wichtige bzw. vorrangige Ziele und Aufgaben für die Psychotherapeuten bzw. die Verbände und Kammern?
Borgmann:
Die Herausforderung für die Kammern wird die berufsrechtliche Weiterentwicklung sein, besonders wird sie in der nahen Zukunft in der Entwicklung von Fort- und Weiterbildungsordnungen liegen. Die Bereiche Prävention und Rehabilitation werden wir an dieser Stelle deutlich für uns beanspruchen und zu unserer Berufsausübung gehörend festschreiben können. Bei gesundheitspolitischen Neuerungen wie beispielsweise der Health professional card werden die Kammern entscheidend mitsprechen. Die Kammern werden auch ihren Einflussbereich auf unseren beruflichen Nachwuchs erweitern wollen, traditionell eine genuine Kammeraufgabe.
Kammern haben demgegenüber ausgesprochen geringe Einflussmöglichkeiten auf die Kanalisierung der Geldströme, das liegt verstärkt bei den KVen bzw. KBV. Hier sind die Verbände in besonderem Maße gefordert.
Verbände können ein begrenztes Interesse auch viel besser Unterstützen, denken Sie etwa an die jeweiligen verfahrensspezifischen Interessen.
Frage: Welche Erfahrungen haben Sie mit den neuen und alten Funktionären in Kammer-ÿmtern gemacht?
Borgmann:
Gute und schlechte. Es handelt sich halt um Menschen.
Frage: Wie stellen Sie sich das Zusammenspiel der Verbände und Kammern für die Zukunft vor?
Borgmann:
Kammern als Behörden haben ein ganz eigenes Gewicht in politischen Zusammenhängen, und damit haben wir ein zusätzliches Sprachrohr für unsere Interessen gewonnen. Ein gutes Zusammenspiel setzt eine gute Kommunikation voraus und eine grundsätzliche berufliche Solidarität. Am Bespiel der sozialrechtlichen Anerkennung der Gesprächspsychotherapie möchte ich ein gelungenes Beispiel anführen: Sowohl die DV der Bundespsychotherapeutenkammer wie auch der GKII (Zusammenschluss von Psychotherapieverbänden) haben sich öffentlich dafür eingesetzt, dass die volle leistungsrechtliche Anerkennung der Gesprächspsychotherapie im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien zu beschließen sei bzw. keine Übermaßforderung angelegt werden sollen. Hier wird eine große Geschlossenheit gezeigt und es müssten daher sehr spezielle Argumente aufgeführt werden, um gegen die gesammelte Sachkompetenz unseres Berufes vorzugehen.
Frage: Wo, denken Sie, stehen die Psychotherapeuten sich selbst im Weg?
Borgmann:
Das ist schwer zu sagen, weil doch die Gefahr besteht, in allzu flache Vorurteile einzumünden. Ich wünsche mir allerdings, dass wir mehr Energie darauf verwenden können, wie wir unseren Einflussbereich nach außen vergrößern anstatt uns in Befindlichkeitsdiskussionen zu verstricken.
Frage: Wie beurteilen Sie eigentlich die, diplomatisch ausgedrückt, etwas inhomogene Art der öffentlichen Selbstdarstellung der Psychotherapeuten?
Borgmann:
Wie gesagt: Wir brauchen eine gemeinsame berufliche Identität!
Frage: Welche Strategien haben sich aus Ihrer Sicht für die Psychotherapeuten als günstig bei der Umsetzung Ihrer Ziele erwiesen?
Borgmann:
Verlässliche Absprachen untereinander und Lobbyarbeit, Lobbyarbeit und Lobbyarbeit. Es schadet auch nichts, wenn man die Arbeit von Sisyphos liebt.
Frage: Welche Erwartungen haben Sie an eine zukünftige Gesundheitsversorgung in sagen wir mal 10 Jahren, wenn die Psychotherapeuten ihre Ziele/Wünsche durchgesetzt haben bzw. sachgerecht im System beteiligt sind?
Borgmann:
Leichtere und selbstverständliche Übergänge zwischen den Behandlungssäulen: von somatischen BehandlerInnen zu psychotherapeutischen und umgekehrt. Wenn wir PsychotherapeutInnen sachgerecht im System beteiligt sind, können wir auch wieder stärker Ideen von Methoden übergreifenden Ansätzen, multiprofessionellen Teams und möglichen regionalbezogenen Vernetzungen für Patienten einbringen. Aber das ist vielleicht eher eine Vision als eine Erwartung.
Liebe Frau Borgmann, wir danken für dieses Gespräch.