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VPP 4/2012

Interview mit der Psychotherapeutin und Buchautorin Andrea Jolander über Therapie und (linke) Tabus, Politik und Psyche

08. November 2012
 

Interview mit der Psychotherapeutin und Buchautorin Andrea Jolander über Therapie und (linke) Tabus, Politik und Psyche

»Schneiden Sie sich auch selbst die Haare?«[1]

KONKRET: Ihr Kollege Hilarion Petzold, der eine integrative Psychotherapie vertritt, spricht von einem »verleugneten Exklusionsproblem«: »Schwerbelastete Menschen aus benachteiligten Schichten« würden von Therapieangeboten immer noch viel zu wenig erreicht. Er fordert eine Politisierung Ihrer Zunft. Können Sie sich dem anschließen?

Meinem Eindruck nach finden sich gerade unter Psychotherapeuten sehr viele, die politisch engagiert waren oder es noch sind. Bereits Ende der Siebziger kämpften verschiedene Psychotherapieverbände, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (Anmerkung der Redaktion: Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie und Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächstherapie kämpften gemeinsam als „Plattformverbände“) und Gewerkschaften gemeinsam für niedrigschwellige Beratungs- und Therapieangebote, denn die Versorgungslage war katastrophal. Einige Kollegen und ich gründeten deshalb beispielsweise eine Beratungsstelle in einer hessischen Kleinstadt, die als sozialer Brennpunkt galt, und boten dort speziell für Arbeitnehmer und ihre Familien kostenlos Beratung und Psychotherapie an. Einige Jahre lang erhielten wir den Betrieb ausschließlich ehrenamtlich aufrecht, bis wir die Finanzierung durch öffentliche Mittel erreicht hatten.

Natürlich ist auch weiterhin gerade für die genannten schwerbelasteten Patienten flächendeckend ein Ausbau niedrigschwelliger oder aufsuchender Versorgung anzustreben.

Was die klassischen psychotherapeutischen Praxen betrifft, so ist seit Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999 für gesetzlich Versicherte (im Gegensatz zu privat Versicherten) der Zugang sehr viel einfacher geworden. Hausärzte überweisen ihre Patienten häufiger und eher als früher zu niedergelassenen Psychotherapeuten. Was zu Recht bemängelt wird, ist die Tatsache, dass der Bedarf an Psychotherapie damals falsch berechnet wurde. Dies führt mitunter zu monatelangen Wartezeiten, was natürlich abschreckend wirkt. Wir würden uns außerdem wünschen, dass wir unser Angebot flexibler gestalten dürften, um beispielsweise Patienten auch über die genehmigte Höchststundenzahl hinaus betreuen zu können.

In Ihrem Buch Da gehen doch nur Bekloppte hin erklären Sie skeptischen Laien, wie eine Therapie funktioniert. Gerade auch in aufgeklärten linken Milieus scheint es nach wie vor Tabus zu geben, wenn es um die Psyche und Themen wie Depression geht. Selbst manch passionierter Sigmund-Freud-Leser lehnt es strikt ab, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn er selbst etwa unter einer schweren Depression leidet. Ein Indiz für den berühmten »intellektuellen Widerstand«?

Als passionierter Sigmund-Freud-Leser wird er wissen, dass Psychotherapeuten – je nach spezifischer Ausrichtung – die Ursachen für Haltungen und Einstellungen ihrer Patienten in ihrer Lebens- oder Lerngeschichte vermuten. Inwieweit jemand geneigt ist, Hilfe zu suchen und sich anderen Menschen anzuvertrauen, hat sicher auch etwas damit zu tun, was er in der Frühzeit seines Lebens in dieser Hinsicht erlebt hat. Wer als Kind keine ausreichenden Näheerfahrungen gemacht hat, ist zum einen später anfälliger für psychische Erkrankungen; ihm fällt es aber eben gerade aufgrund dieses Mangels schwer sich vorzustellen, wie heilsam der Kontakt zu einem anderen Menschen sein kann.

Im Folgenden möchte ich Sie mit typischen Argumentationsmustern von (linken) Therapieskeptikern konfrontieren und Sie bitten, dazu Stellung zu nehmen:

  • Ich kenne mich selbst am besten und mache Probleme mit mir selber aus. Warum sollte mir ausgerechnet ein Fremder etwas über mich erzählen können, das ich nicht weiß?

Wahrscheinlich schneiden Sie sich selbst die Nägel. Aber wie steht es mit den Haaren am Hinterkopf? Psychotherapeuten sind für die Stellen der Psyche zuständig, die man selbst nicht so gut kennt. Auch jemand, der meint, über seinen Körper einigermaßen Bescheid zu wissen, braucht mitunter einen Arzt, der ihm erklärt, was dort vor sich geht, wo er selbst nicht hingucken kann. Zu uns kommen Patienten, die eben nicht mehr wissen, was mit ihnen los ist, die sich nicht erklären können, warum sie unter unerklärlichen Ängsten leiden oder die Welt für sie nur noch düster aussieht.

  • Meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich andere Leute nicht mit meinen Problemen behelligen darf.

Wenn man erst mal so weit ist, das zu erkennen, ist das schon die halbe Miete. Wenn ich gar nicht auf die Idee komme, dass ich mir Hilfe holen könnte und auch nicht merke, dass meine Eltern mir vielleicht einiges beigebracht haben, das mich im Leben eher behindert, als mir nützlich zu sein – dann habe ich noch einen langen Weg vor mir. In dessen Verlauf ich dann wohl die Erfahrung machen werde, die andere Menschen meines Alters schon ein paar Jahrzehnte früher gemacht haben: dass Eltern nicht immer recht haben.

  • Da wird doch nur geschwafelt.

Worte haben Macht, das wissen wir alle. Sie können zerstören. Sie können aber auch heilen.

  • In einer Therapie werden gesellschaftliche Missstände psychologisiert und damit entschärft. Die Zunahme von Burn-out und Depression rührt von inhumanen Arbeitsbedingungen her, in einer Therapie wird aber die Schuld beim Individuum gesucht: Nicht die Gesellschaft, sondern der einzelne soll sich ändern – Stichwort Selbstoptimierung –, damit er wieder funktionstüchtig und leistungsfähig ist und seine Arbeitskraft weiter ausgebeutet werden kann. Widerstandsgeist wird sediert. Wer am System leidet, dem hilft keine Therapie. Oder frei nach Adorno: Es gibt kein glückliches Leben im falschen.

Damit jemand etwas ändern kann, im eigenen Leben wie vielleicht auch für andere, muss er erst einmal imstande sein, über seine Kraft zu verfügen. Zu uns kommen Menschen, deren Kraft seit langem oder zeitweise blockiert ist und deren Widerstandsgeist nicht erst im Arbeitsprozess gebrochen wurde. Und ja, da schauen wir uns seine ganz individuellen – und sehr frühen – Lebensbedingungen an. Wie ich beispielsweise mit inhumanen Arbeitsbedingungen umgehe, hat eben auch damit zu tun, ob man mir ein gesundes Selbstbewusstsein mitgegeben hat und die Fähigkeit, mich selbst und andere zu schätzen. Jemand, der darüber verfügt, wird unzumutbare Arbeitsbedingungen leichter als solche erkennen können, weil tief in ihm verwurzelt ist: Es ist nicht in Ordnung, wenn Menschen so mit anderen umgehen. Wenn ich nie etwas anderes kennengelernt habe oder jede Form von Widerstand schon in meiner Kindheit erstickt worden ist, komme ich gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu erträumen oder anzustreben.

Wir versuchen, unseren Patienten die Einschränkungen bewusst zu machen, die sie unbewusst ein Leben lang mit sich herumgetragen haben. Was sie letzten Endes mit dieser Erkenntnis anfangen, überlassen wir ihnen. Ich kenne allerdings keinen Patienten, der nach einer Therapie unpolitischer war als vorher. Allenfalls ist da mal ein Betriebsratsvorsitzender, der sich in seiner Tätigkeit aufgerieben hat und depressiv geworden ist und der in der Therapie feststellt, dass er sich als Ältester daheim schon immer um die jüngeren Geschwister kümmern musste. Er beschließt, zum ersten Mal in seinem Leben das Wagnis einzugehen, die anderen ranzulassen. Und kann es dann staunend genießen (während er wieder zu Kräften kommt), dass die ihre Arbeit auch nicht so schlecht machen.

  • Bevor ich zum Therapeuten geh, bring ich mich um (bevorzugt von Männern geäußert).

Diese Haltung reiht sich nahtlos in das generell riskantere Verhalten von Männern ein, das als ausschlaggebender Faktor für ihre um fünf Jahre verkürzte Lebenserwartung gesehen wird. Das Bild des einsamen Wolfs, der weder Schwäche zeigt, noch sich Hilfe holt, ist leider nach wie vor verbreitet. Auch bei Vorsorgeuntersuchungen liegen die Männer mit einem Anteil von nur einem Drittel hinten. Und sie suchen entsprechend seltener einen Psychotherapeuten auf als Frauen. Tatsächlich werden zwei Drittel aller vollendeten Selbstmorde von Männern begangen.

  • Depressive sollen sich zusammenreißen.

Bei dieser Forderung sollte man auf keinen Fall stehenbleiben. Menschen mit Gallenkoliken und Blinddarmdurchbrüchen ist ebenfalls unbedingt mehr Selbstdisziplin anzuraten. – Hallo? Geht’s noch? Mit solchen Aussagen kann man mich richtig sauer machen. Leider scheint das immer im Sammelpack geliefert zu werden: Depressive und ihre Freunde oder Angehörigen, die dummes Zeug reden. Der Depressive solle doch öfter mal rausgehen oder sich ein neues Hobby zulegen. Eine Depression ist keine leichte Verstimmung, die mit ein wenig Ablenkung zu heilen ist. Es ist eine schwere, unter Umständen lebensbedrohliche Erkrankung, die behandelt gehört.

  • Therapie wirkt nicht; Erfolge sind jedenfalls nicht messbar.

Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen, die das Gegenteil beweisen. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Psychotherapien nicht, weil sie so nett sind, sondern weil sich das selbst bei längeren Therapien für sie rechnet. Patienten, die eine Psychotherapie hinter sich haben, verbringen anschließend im Schnitt weniger Zeit in Krankenhäusern und sind generell seltener krank. Kürzlich befragte die Universität Leipzig über tausend Personen, die in den vergangenen sechs Jahren eine Psychotherapie gemacht hatten. 89 Prozent waren mit dem Ergebnis zufrieden oder sehr zufrieden und gaben an, die Behandlung habe sich nicht nur auf die ursprüngliche Symptomatik positiv ausgewirkt, sondern auch auf weitere wichtige Lebensbereiche.

  • Ich fühle nicht, ich denke. Gefühle sind verdächtig.

Diese Haltung bezeichnet der Neurologe António Damásio als »Descartes’ Irrtum«. Er meint, Emotionen seien kein Luxus, »sondern ein komplexes Hilfsmittel im Daseinskampf«, und er weist nach, dass Menschen, deren Gefühle beispielsweise unfallbedingt mehr oder weniger »abgeschaltet« sind, auch keine rationalen Entscheidungen mehr treffen können.

Wenn Sie dennoch meinen, mit dieser Einstellung gut zurechtzukommen, dann ist das Ihre Entscheidung. Möglicherweise geraten Sie damit irgendwann an Ihre Grenzen, vielleicht dann, wenn die soundsovielte Freundin Sie verlassen hat. Und wenn Sie dann doch mal knurrend und widerstrebend zum Psychotherapeuten gehen, dann wird der – wenn er etwas taugt – zunächst einmal respektieren, dass Sie Gründe hatten, dies für sich so zu entscheiden. Und Sie werden vielleicht eine Erfahrung machen, die jeder in einer gelungenen Therapie machen kann: Ich muss nichts von dem hergeben, was zu mir gehört und was mich ausmacht. Aber ich kann noch vieles dazugewinnen.

  • Therapeuten sind Esoteriker.

Huch, diese Variante der Therapeutenbeschimpfung kannte ich bisher noch nicht. In meiner Erfahrungswelt haben diese beiden Dinge nichts miteinander zu tun. Gerade in der psychologischen Forschung wird besonders viel Wert darauf gelegt, alles naturwissenschaftlich zu untersuchen und zu erklären. Zu meiner Zeit bestand die komplette erste Hälfte des Psychologiestudiums im Erlernen dieser Methoden. In jüngster Zeit konnte auch die Hirnforschung vieles bestätigen, was schon zu Freuds Zeiten beschrieben, aber noch nicht nachgewiesen werden konnte.

  • Ernstzunehmen ist allenfalls die Psychoanalyse, Gesprächs- und Verhaltenstherapie sind Verfallsformen, die nicht zum Kern vordringen.

Nur der Gottesdienst taugt etwas, der auf Latein zelebriert wird? Niemand kann bestreiten, dass es im Bereich der Psychotherapie eine Reihe ungeheuer hilfreicher Entwicklungen gegeben hat, beispielsweise die Traumatherapie, die unter anderem in der Behandlung der Opfer von Krieg, Misshandlung und Gewalt sehr gute Erfolge vorzuweisen hat.

Wem es wichtig ist, dass die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren immer wieder überprüft wird, der wird auch einsehen, dass sie sich weiterentwickeln. Die Kassen bezahlen jedenfalls nur Verfahren, deren Wirksamkeit bewiesen wurde. Und das ist mittlerweile nicht nur die Psychoanalyse, sondern die damit verwandte tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie.

  • Psychologen haben doch alle selbst einen an der Waffel.

Ja, das ist so ein ganz lustiges Beispiel aus der alleruntersten Schublade der Vorurteile. Ich erkläre mir das so: Da man glaubt, wir würden die Hälfte der Menschheit für verrückt erklären, schreit man in einer Art Vorwärtsverteidigung: »Selber verrückt!«

Leute denken ja immer, Psychotherapeuten hätten nichts Besseres zu tun, als andere danach zu beurteilen, ob sie »normal« oder »nicht normal« sind. Dabei interessiert nichts uns weniger. Uns geht es darum, wie zufrieden jemand mit sich und seinem Leben ist, oder ob er sich selbst oder anderen Schaden zufügt. Wenn man so will, haben wir es bei unseren Patienten oft eher mit »zu normalen« Menschen zu tun, also denen, die krank geworden sind, weil sie sich allen Normen angepasst haben, und die lernen müssen, wieder zu ihren eigenen Bedürfnissen zurückzufinden. Wir versuchen, sie zumindest von den Ketten zu befreien, mit denen sie sich selbst gefesselt haben, und sie damit wieder handlungsfähiger machen.

Andrea Jolander: Da gehen doch nur Bekloppte hin. Aus dem Alltag einer Psychotherapeutin. Heyne, München 2012, 224 Seiten, 14,99 Euro

Ein weiterer Literaturtip zum Thema: Philippa Perrys und Junko Graats Comic Couch Fiction. Wie eine Psychotherapie funktioniert. Kunstmann, München 2011, 156 Seiten, 16,90 Euro

– Interview: Marit Hofmann – 


[1]Quelle: LITERATUR KONKRET 2012 (S. 3ff.) in KONKRET 10/12; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Autors.