Kommentar zur öffentlichen Debatte um sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen
Entsprechende Berichte reihen nun nach und nach Missbrauchsfälle der letzten 30-40 Jahre aneinander und ein abstoßendes Bild einer pädophilen und gewalttätigen Institution breitet sich vor den Augen der schaudernden Betrachter aus.
Bei soviel öffentlicher Übereinkunft und bei all der demonstrativ zur Schau gestellten Betroffenheit und Abscheu kommt dann aber doch auch Misstrauen auf: Was wird denn da für eine Inszenierung aufgeführt? Wo alle in dasselbe Horn blasen, drängt sich die Frage geradezu auf: Was soll hier verdrängt werden? Worüber darf nicht geredet werden?
Nichts hat sich an der Faktenlage geändert: Der gefährlichste Ort für Kinder bleibt die eigene Familie – nirgends kommt es häufiger zu gewalttätigen und sexuellen Übergriffen. Weiteres Gefahrenpotential geht dann vom sonstigen Nahumfeld aus, wie z.B. Schule, Sportverein und eben auch Kirche. Überall dort wo Kinder in starken Abhängigkeitsverhältnissen stehen, wo Beziehungen allein auf Vertrauen aufgebaut sind und wo der kontrollierende Blick von außen ausgeschlossen bleibt, ist die Gefahr von Missbrauch gegeben.
Weitet man den Blick noch ein wenig und löst sich von der Fixierung auf Übergriffe gegenüber Kindern, lassen sich u.a. beim Militär, am Arbeitsplatz und nicht zuletzt auch bei Psychotherapie –hierauf soll noch gesondert eingegangen werden- ähnliche Abhängigkeitsstrukturen ausmachen. Es wundert deshalb auch nicht, dass sexueller Missbrauch dort überall als ernstzunehmendes Problem erkennbar wird.
Wen hat das also wirklich überrascht, dass solche Übergriffe auch in der Kirche und ihren Institutionen vorkommen? Wer hat ernsthaft an eine moralische Sonderstellung von Pfarrern und Klosterbrüdern geglaubt? Wozu dient dann aber die öffentliche Aufgebrachtheit? Es drängt sich der Verdacht auf, dass die demonstrative Bestätigung: „Ich finde das auch ganz schlimm!“ auch die Abwehr und Beherrschung bedrohlicher Impulse sicherstellen soll. Ein solcher Verdacht erhärtet sich, wenn man die zunehmende Fetischisierung des kindlichen Körpers in der öffentlichen Darstellung betrachtet. Da schauen Eltern mit ihren präpubertären Kindern gemeinsam „Germany’s next Topmodell“, wo kaum ältere Kinder sich in unverhohlen pornographischen Posen beweisen müssen. Da spült jede Internetrasterfahndung aufs Neue Legionen erwischter „Durchschnittsmänner“ in die sexualtherapeutischen Praxen, die sich beim Surfen im kinderpornographischen Dschungel verheddert haben. Und da hat der Normdruck zur Ganzkörperrasur, ehemals das Signifikat der hardcore-pornographischen Darstellung, ganze Arbeit geleistet: Studien belegen, dass die Schambehaarung, ein sekundäres Merkmal entwickelter Geschlechtsreife, bei Generationen jüngerer Frauen (und zunehmend auch Männer) umfassend und gründlich dem Imtimrasurmesser zum Opfer fällt.
Der juvenile, abhängige und im Machtgefälle klar unterlegene Kindeskörper ist als Sexualreiz also präsenter denn je. Die öffentlich zur Schau getragene Abscheu gegenüber Missbrauchsfällen kann so auch als Ausdruck des individuellen Unbehagens, der persönlichen Verunsicherung gelesen werden. Dazu passt dann die häufig schnell vergebene Diagnose des Abartigen und Kranken mit dem der Täter kategorisiert wird. Dabei wird das Verstörende ausgeblendet: Die allermeisten Täter, ähnlich wie die erwischten Internetnutzer von Kinderpornographie, sind keinesfalls auf das Sexualobjekt Kind fixiert und somit in pädophile Schemata zu pressen, sondern sie sind vielmehr regelhaft heterosexuell aktive Männer wie du und ich. Allzu gerne würde man die jüngsten Vorwürfe gegen katholische Geistliche auch mit dem Zölibat erklären. Nun kann man das Zölibat und insbesondere seine abstruse kirchenimmanente Begründung natürlich trefflich kritisieren – als kausale Begründung von sexuellem Missbrauch taugt es trotzdem nicht. Praktizierte Sexualität hat unbestreitbare positive Folgen und Wirkungen, eine notwendige Bedingung für eine glückliche und gesunde menschliche Existenz ist sie nicht. Die „Dampfkesseltheorie“, wonach sich verhinderte Sexualität irgendwann „gewaltsam“ Bahn bricht, ist seit langem überholt und dient allenfalls noch in paarinternen Diskursen als Überzeugungsversuch.
Was dann als Erklärung für sexuellen Missbrauch übrig bleibt, ist das eingangs beschriebene unkontrollierte und allein auf Vertrauen basierende Machtverhältnis, welches potentiell riskant bleibt. Hier müsste eine ernstzunehmende Aufarbeitung solcher Vorkommnisse, wie sie jetzt aus der Kirche bekannt werden, ansetzen. Und dann wird’s aber plötzlich auch ungemütlich. So würde es dann um die Frage gehen müssen, wieviel Kontrolle den genannten Gefahrenfeldern, also Familie, Schule und auch Kirche, denn zugemutet werden soll und was damit dann auch alles verloren geht. Und letztlich geht es dann um die Frage, wieviel von dem beschriebenen Risiko wir bereit sind zu akzeptieren.
Und was heißt das nun für mögliche Konsequenzen aus der aktuellen Debatte? Zunächst bestehen hier sicher berechtigte Forderungen nach einem Wandel der kircheninternen Strukturen. Deren totalitärer, abgeschlossener und patriarchal-hierarchischer Aufbau begünstigt die beschriebenen Machtverhältnisse, die ihrerseits den Missbrauchsexzess wahrscheinlicher machen. Schaut man sich die Kirche und ihre Geschichte an, ist allerdings berechtigter Zweifel angebracht, ob eine solche Reformleistung kirchenintern überzeugend geleistet werden kann. Es könnte auch eine Debatte über das Verhältnis von Kirche und Staat geführt werden, an deren Ende der demokratisch verfasste Staat deutlich machen muss, dass er keine intransparenten, demokratiefernen Herrschaftsräume duldet. Klöster, kirchliche Schulen und Internate sowie die Kirche als Arbeitgeber dürfen nicht außerhalb allgemeiner Rechtnormen und öffentlicher Kontrolle stehen.
Auch wenn das Problemmanagement des Deutschen Fußballbundes bei der sogenannten Schiedsrichteraffäre sicher nicht besonders glücklich war, so hat doch Theo Zwanziger, der DFB-Präsident, mit dankenswerter Klarheit auf den Punkt gebracht, was auch im vorliegenden Fall Gültigkeit an: „Wir müssen Strukturen schaffen, in denen es nie wieder möglich wird, dass sich auf Einzelne eine so große Machtfülle ohne jede Kontrolle vereint!“
Und was ist nun mit Psychotherapie? Dass hier vergleichbar riskante Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, ist unbestreitbar; genauso kann niemand die Augen davor verschließen, dass solche Strukturen auch hier Übergriffe zur Folge haben.
Und auch bei uns wird der Weg über die Installierung von Transparenz und Kontrolle führen. Ethikrichtlinien von Verbänden, Berufsordnungen der Kammern, jeweils gepaart mit ehren- bzw. berufsgerichtlicher Einklagbarkeit sind Schritte in diese Richtung.
Gleichzeitig soll aber nicht der Eindruck erweckt werden, als könne staatliche Repression und Kontrolle das Heil bringen.
Von zentralerer Bedeutung dürfte vielmehr ein konsequenter Ausbau von Supervision bzw. Intervision, abgesichert und gefördert durch eine entsprechende Finanzierung, sein.
Vor allem aber müssen Möglichkeiten eröffnet werden zur tabufreien Auseinandersetzung und Reflexion über die Dialektik von Abgründen und Irrwegen des Sexuellen auf der einen und der Kraft und Chance, die Sexualität uns bietet, auf der anderen Seite. Die individuelle Verunsicherung, die sich angesichts solcher Taten einstellt, muss besprechbar werden – eine Debatte wie die aktuelle zementiert hingegen kollektive Abwehr und verhindert so den ehrlichen und offenen Diskurs. Begehren allein in moralische Kategorien fassen zu wollen, kann nur scheitern und wird uns immer wieder aufs Neue die Grenzen des Rationalen aufzeigen.
Günter Ruggaber
Günter Ruggaber ist Paar- und Sexualtherapeut und war von 2004 bis 2008 Mitglied im Fort- und Weiterbildungsausschuss der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS), dem er auch heute noch als Berater zur Seite steht. 2008 war er Mitveranstalter der DGfS-Tagung „Sex, Lügen und Internet“ (Tagungsband im Psychosozial-Verlag, 2010) und ist aktuell in der Planungsgruppe der 9. DGVT-Praxistage zum Schwerpunktthema „Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen“ (6.-7.11.2010, Köln). Darüber hinaus ist er regelmäßig als Dozent für Sexualtherapie im Rahmen der Psychotherapieausbildung aktiv.