Mehr ältere Menschen mit psychischen Störungen: Ausbildungsinstitute sollten sich auf wachsenden Bedarf einstellen
Umfrage ergibt: Alternspsychotherapie hat noch kaum Eingang in die Curricula gefunden
Infolge der demografischen Entwicklung steht die Berufsgruppe der PsychotherapeutInnen vor neuen Herausforderungen, da in einer alternden Gesellschaft ältere Menschen mit psychischen Störungen einen zunehmenden Anteil der PatientInnen ausmachen und sich das Krankheits- bzw. Symptomspektrum im höheren Lebensalter verschiebt. So wird das Tätigkeitsspektrum von Niedergelassenen wie auch von den Angestellten in den verschiedenen Branchen der gesundheitlichen Versorgung in zunehmendem Maße alternspsychotherapeutische Kompetenzen umfassen – so z.B. altersspezifische psychologische Diagnostik (z.B. neuropsychologische Demenztestung), die Förderung von Alltagskompetenzen und kognitiver Leistungsfähigkeit (etwa bei Pflegebedürftigkeit nach Schlaganfall) wie auch die psychosoziale und -therapeutische Unterstützung älterer Menschen (z.B. bei Depression nach dem Übergang in den Ruhestand oder ins Pflegeheim, bei Partnerschaftskonflikten, bei chronischen psychischen Störungen) und ihrer Angehörigen (z.B. Beratung von pflegenden Angehörigen). Außerdem ist zu erwarten, dass neue Arbeitsplätze in Institutionen wie z.B. Gerontopsychiatrien, Geriatrien, Gedächtnisambulanzen, spezielle Beratungsstellen und möglicherweise auch Pflegeheimen entstehen werden.
Es stellt sich die Frage, in welchem Maße Qualifikationsangebote in Alternspsychotherapie aktuell im Rahmen der postgradualen psychotherapeutischen Ausbildung zur Verfügung stehen. Zu erwarten ist, dass noch eine beträchtliche Diskrepanz zwischen dem Ausbildungsbedarf in Alternspsychotherapie und der Ausbildungsrealität besteht. So wird in Bezug auf Ausbildungsangebote zum Psychologischen Psychotherapeuten in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung des Bundesministeriums für Gesundheit (PsychTh-APrV) von 1998 auf Störungslehre und Behandlung älterer Menschen höchstens indirekt Bezug genommen. Außerdem mag es für die psychotherapeutischen Ausbildungsinstitute bisher nicht immer einfach sein, auf DozentInnen zurückgreifen, die entsprechende Kompetenzen in diesem Fachgebiet aufweisen. Vor dem Hintergrund eines prognostisch steigenden Bedarfes an entsprechender Fachqualifikation haben wir eine Studie durchgeführt, um eine systematische Bestandsaufnahme bestehender alternspsychotherapeutischer Qualifikationsmöglichkeiten vorzunehmen. Diese Ergebnisse werden nachfolgend kurz zusammengefasst. Sie werden ausführlicher in der Originalarbeit beschrieben, die in Kürze in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie erscheinen wird.
Erfasst wurden Qualifikationsangebote im Bereich Alternspsychotherapie für angehende Psychologische Psychotherapeuten (nach Diplom- bzw. Master-Abschluss in Psychologie) im Rahmen der theoretischen Ausbildung nach der PsychTh-APrV an staatlich anerkannten psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten in Deutschland. Die Studie wurde im Sommer 2012 als anonyme Online-Umfrage unter psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten durchgeführt. Hierzu wurde das Register aller anerkannten Ausbildungsinstitute für Psychotherapie gem. § 6 Psychotherapeutengesetz des Verbandes Psychologischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im BDP e.V. (VPP) herangezogen (www.bdp-verband.de/beruf/institute/index.shtml). Um dieses Register zu überprüfen bzw. zu vervollständigen, wurde eine Auflistung der Bundespsychotherapeutenkammer zu psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten hinzugezogen (www.bptk.de/links.html) und mit der vorhandenen Liste abgeglichen. Alle identifizierten Institute wurden per E-Mail angeschrieben (bzw. noch einmal telefonisch kontaktiert) und in Bezug auf ihre Ausbildungscurricula befragt.
Von den 178 Instituten, die angeschrieben wurden, nahmen 103 Institute (57.9%) an der Umfrage teil. Davon gaben 57 Institute (55.3 %) an, Unterrichtsstunden zu Alternspsychotherapie anzubieten. Insgesamt zeigte sich, dass, absolut betrachtet, Institute mit dem Ausbildungsschwerpunkt VT am häufigsten alternspsychotherapeutische Unterrichtsstunden anbieten (N= 25). Relativ betrachtet (gemessen an der Gesamtanzahl an Instituten), unterschieden sich jedoch die Institute diesbezüglich nicht in Abhängigkeit von den Ausbildungsschwerpunkten (Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Psychoanalyse). Durchschnittlich betrug der zeitliche Umfang M= 11,1 h (SD= 5.9) alternspsychologische Unterrichtsstunden. Dies entspricht 1.8% des Gesamtumfangs der theoretischen Ausbildung. Bei 43 Instituten (75.4 %) stellte das Angebot im Bereich Alternspsychotherapie eine Pflichtveranstaltung dar. Von den 46 Instituten ohne Angebot gaben 11 (23.9%) an, dass sie planen, alternspsychologische Unterrichtsstunden in den nächsten drei Jahren in ihr Ausbildungscurriculum aufzunehmen oder vielleicht aufzunehmen (23 Institute; 50%). Unabhängig davon stuften 18 Institute (17.5 %) den Bedarf an Alternspsychotherapie für die Zukunft als sehr hoch und 57 Institute (55.3%) als hoch ein.
Die Studie liefert Hinweise darauf, dass verfahrensübergreifend knapp über die Hälfte der psychotherapeutischen Ausbildungsinstitute aktuell alternspsychologische Inhalte behandeln und dies durchschnittlich lediglich etwa im Umfang eines ganztägigen Seminars. Bedenkt man, dass der Gesamtumfang der theoretischen Ausbildung 600 Unterrichtsstunden umfasst, so ist das durchschnittliche Angebot an alternspsychologischen Qualifikationsmöglichkeiten bei den psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten als ungenügend einzustufen. Da lediglich knapp ein Viertel der Institute sicher plant, innerhalb der nächsten drei Jahre ihr Curriculum um Alternspsychotherapie zu erweitern, ist auch kein schneller Trendwechsel absehbar. Da der Antwortrücklauf bei den psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten 58% betrug, ist einschränkend zu sagen, dass eine Generalisierung der Ergebnisse auf die Gesamtmenge der psychotherapeutischen Ausbildungsinstitute nicht möglich ist.
Dieser Beitrag soll eine Diskussion über die Ausbildungssituation von Psychologischen PsychotherapeutInnen in Zeiten des demographischen Wandels anregen. Es sollte über die Einführung einer Basisqualifikation in Alternspsychotherapie an Ausbildungsinstituten oder sogar einer eigenständigen Ausbildung zum „Alternspsychotherapeuten“ analog zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bzw. zur geriatrischen Zusatzausbildung nachgedacht werden mit dem Ziel einer optimalen Patientenversorgung. Unabhängig davon würde nach unserer Auffassung eine stärkere „Lebenslauforientierung“ der Psychotherapieausbildung sicherlich die Qualität der psychotherapeutischen Ausbildung verbessern und auch einen persönlichen Gewinn für die PsychotherapeutInnen darstellen. Bisher ist die Ausbildung – eher implizit als explizit – auf die Patientin / den Patienten im jungen bzw. mittleren Erwachsenenalter ausgerichtet. Auch ist eine Debatte um die Zulassung von Absolventen von Gerontologie-Masterstudiengängen (mit Psychologie-Bachelor) zur Erwachsenen-Psychotherapeutenausbildung – analog zur Zulassung von (Sozial-)Pädagogen zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutenausbildung – notwendig.
Abschließend ist noch zu erwähnen, dass an der Technischen Universität Chemnitz 2012 der Weiterbildungsstudiengang „Klinische Gerontopsychotherapie“ für approbierte Psychotherapeuten eingerichtet wurde, der über die Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer zertifiziert wurde (Leitung: Prof. Stephan Mühlig). Außerdem bietet das Institut für Alternspsychotherapie in Marburg (Leitung: Prof. Meinolf Peters) Fortbildungskurse (7 bis 8 Wochenenden) an, u.a. in Berlin und Hamburg. An beiden Kursen können sowohl VerhaltenstherapeutInnen als auch PsychoanalytikerInnen bzw. TiefenpsychologInnen, sowohl bereits approbiert wie auch in Ausbildung befindlich, teilnehmen. Die Weiterbildung in Chemnitz ist nach meiner eigenen Erfahrung in der praktischen Umsetzung stärker wissenschaftlich und verhaltenstherapeutisch bzw. diagnostisch, die vom Institut für Alternspsychotherapie in Marburg angebotene stärker psychoanalytisch/tiefenpsychologisch und praxis- und auch selbsterfahrungsorientierter. Bemerkenswert ist, dass sich in diesem Bereich offenbar schulenübergreifende Aktivitäten auftun. Neuere Entwicklungen in dem Fort- und Weiterbildungsbereich werden ggf. auch in der Zeitschrift „Psychotherapie im Alter“ vorgestellt.
Literaturhinweis:
Kessler, E.-M., Agines, S., Schmidt, C. & Mühlig, S. (in Druck). Qualifikationsmöglichkeiten im Fachgebiet Alternspsychotherapie an Universitäten, Fachhochschulen und Ausbildungsinstituten für Psychologische Psychotherapie – eine empirische Bestandsaufnahme. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie.
Weitere Informationen:
Mitglieder unseres Verbandes, die Interesse an einer Mitarbeit an der Fachgruppe „Ältere Menschen in der psychosozialen Versorgung“ haben, sind hierzu herzlich eingeladen. Derzeit sind wir insbesondere in Berlin aktiv.
Kontakt: dgvt@dgvt.de