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Aktuell

Nachruf - Denken an Hubert Kötter (1947 - 2007)

12. Dezember 2007

Am 5. November 2007, drei Monate nach seinem 60. Geburtstag, ist Hubert Kötter gestorben. Zuvor hatte er noch mehr als ein Jahr mit der Diagnose eines unheilbaren Karzinoms leben müssen.

 

Hubert Kötter war sechs Jahre im erweiterten Vorstand der DGVT, er hat wie kaum ein anderer mehr als 14 Jahre in der AWK (Aus- und Weiterbildungskommission) gearbeitet und war seit der Gründung des Forums Beratung auch dort ehrenamtlich engagiert. Elf Jahre gehörte er der Kongressplanungsgruppe an. Der kommende Jubiläumskongress: „40 Jahre DGVT – Vernetzt(e) Psychotherapie!“im Frühjahr in Berlin wird nun ohne ihn auskommen müssen.

Hubert Kötter hat bei allen Menschen, die ihn kennengelernt haben, nachhaltige Spuren hinterlassen. Er hat es uns in seiner zurückhaltenden, aber immer authentischen Art leicht gemacht, ihn zu mögen und zu schätzen. Man konnte sich auf ihn immer verlassen. Hubert Kötter hat sich für die Dinge, die ihm wichtig waren, bis zuletzt engagiert. Schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit hat er an Sitzungen verschiedener Gremien der DGVT und an Sitzungen des Vorstandes der „Gesellschaft für gemeindepsychologische Forschung und Praxis“ teilgenommen oder hat seine konstruktiven Beiträge als E-Mail eingebracht.

In Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ heißt es „… und die im Dunkeln sieht man nicht“ und genau für die Gruppen, die in unserer Gesellschaft vernachlässigt werden, deren Leben gar nicht mehr wahrgenommen wird, hat sich Hubert Kötter engagiert. Das waren Menschen mit Migrationshintergrund und armen Menschen. Bei dem letzten Kongress der DGVT 2006, Hubert Kötter war schon von seiner Krankheit zum Tode ereilt, hat er ein Symposium organisiert, in dem es um gesellschaftliche Gruppen ging, die nicht auf der Sonnenseite unserer reichen kapitalistischen Gesellschaft leben. Es war ihm ein besonderes Anliegen, diese Gruppen im Sinne des Empowermentprinzips zu stärken: Wir Professionellen aus dem psychosozialen Arbeitsfeld sollten Menschen darin unterstützen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Diese Perspektive hat Hubert Kötter auch in ein Projekt investiert, das sehr stark mit seinem Namen verbunden ist: In das Weiterbildungsseminar „Psychosoziale Beratung/Counselling“. Zugleich hat er immer auch für gesellschaftliche Reformen gestritten, die von dem Gedanken der sozialen Gerechtigkeit getragen sein sollten.

Hubert Kötter ist nichts leicht gemacht worden. Er hat die Schattenseiten des Lebens selbst erfahren müssen. Wahrscheinlich war er der Ärmste unter allen DGVT-Gremienmitgliedern. Arbeitslosigkeit, Armut und auch Hartz IV sind ihm nicht erspart geblieben. Aber er hat nie aufgegeben und sich nicht einfach in eine Opferrolle geflüchtet. Er ist seinen Lebensweg unbeirrt und in bewusster Orientierung an klaren gesellschaftskritischen Vorstellungen gegangen. Ihm war es nie wichtig, Mehrheitsmeinungen zu vertreten. Seine Stimme der Vernunft war manchmal leise, aber immer vernehmlich. Jetzt wird sie uns fehlen, aber seine Anliegen werden wir, die wir das Glück hatten, ihm begegnet zu sein, bewahren und weiterführen.

Was ihm am Herzen lag, lässt sich gut anhand seiner letzten Rede, die er in Rostock anlässlich der Gründung des dortigen afp (Ausbildungsinstituts für Psychotherapie) am 9. Mai dieses Jahres noch gehalten hat, dokumentieren. Er ging schon auf einen Stock gestützt ans Pult und sprach mit leiser, gebrochener Stimme:


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

anlässlich der heutigen Auftaktveranstaltung der afp-Fortbildungseinrichtung Rostock darf ich Sie im Namen der Aus- und Weiterbildungskommission der DGVT und des AWK-Referats in der Bundesgeschäftsstelle herzlich begrüßen. Auch wünsche ich dem Leitungs- und Organisationsteam einen guten Start und alles Gute für den weiteren Weg. Dann möchte ich nicht vergessen, den Initiatorinnen und Initiatoren und allen Beteiligten zu danken, dass sie die Idee zu dem Fortbildungsinstitut für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten hier in Rostock verwirklicht haben. Sie haben damit einen weiteren Knotenpunkt in dem bundesweiten afp-Verbund der DGVT geknüpft.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn dieses Fortbildungsinstitut sich zu einem Ort des Lernens, einem Ort der fachlichen Reflexion, einem Ort des interdisziplinären Austausches entwickelt; ein Ort sein wird, an dem über die Rolle, Aufgabe und Verantwortung der Psychotherapie und der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in einer modernen Gesellschaft nachgedacht wird. Also zu einem Ort wird, an dem – wie Heiner Keupp es ausgedrückt hat – die „Gesellschaftsvergessenheit“ und „soziale Amnesie“ der Psychotherapie und der Psychotherapieszene überwunden wird. Ich denke, eine solche Blickwinkelerweiterung wird zunehmend bedeutsamer in einer gesellschaftlichen Situation, die geprägt ist von zunehmender sozialer und ökonomischer Ungleichheit sowie ungleichen Verwirklichungschancen.
Auf der Suche nach einem Kompass, um sich in diesem Gelände zurechtzufinden, ist es vielleicht hilfreich, die sowohl in der DGVT als auch in der VT scheinbar verstaubten Vorstellungen und Konzepte zu Krankheit und Gesundheit, Salutogenese, Empowerment oder auch Anerkennung wiederzuentdecken bzw. wieder frei zu legen.
Anführen ließen sich Vorstellungen wie:

  • dass psychosoziales Leid immer auch aus dem Zusammenwirken von subjektiven Bedürfnissen, den gesellschaftlichen Widersprüchen und den alltäglichen Belastungen erwächst;
  • dass psychotherapeutisches Handeln immer auch die soziale und berufliche Einbindung, die jeweiligen sozialräumlichen Gegebenheiten mit ihren jeweiligen Ressourcen, aber auch Risiken wie etwa Segregation und Stigmatisierung einbezieht
  • und – was ja mittlerweile wieder in aller Munde ist – die Kompetenz- und Ressourcenorientierung in dem Sinne wie es Krisor und Pfannkuch vor einiger Zeit – wie ich finde – anschaulich beschrieben haben: „Es geht darum, seine (der Patientin und des Patienten) Stärken und Ressourcen auch im Moment der Schwäche zu erkennen, um auch in akuten Krisen ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung zu erhalten bzw. zu ermöglichen“.

Ich denke, wenn solche Aspekte in einen Diskussionsprozess zur Aufgabe, zum Stellenwert und zur Bedeutung von Psychotherapie einfließen, wird dieses Fortbildungsinstitut zu einem lebendigen, offenen Ort werden, von dem gedankliche Anstöße und Anregungen für das psychotherapeutische Handel ausgehen können.

Zum Schluss möchte ich noch anmerken: So wie Hansa Rostock z. Z. noch alle Chancen hat, wieder erstklassig zu werden, so hat das Fortbildungsinstitut Rostock alle Voraussetzungen, ebenfalls erstklassig und bundesligatauglich zu werden. In diesem Sinne wünsche ich beiden nochmals viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft.
Herzlichen Dank!
Hubert Kötter


Was viele sicher nicht wussten: Huber Kötter war über sein vielfältiges Engagement in der DGVT hinaus auch noch ehrenamtlich in einer Kirchengemeinde in seinem Kölner Kiez aktiv. Der Pastoralreferent Bernhard Pastoors, der Huberts Wunsch entsprechend die Trauerrede an seinem Grab hielt, berichtete davon:


Meine Erinnerung:                                         
 …  da denke ich an einen Stadtteil, einen Stadtteil mitten in Köln, Köln Nippes:
bunt gemischte Bevölkerung, viele Ausländeranteile, Armut ist hier und da zu sehen, der Anteil der Arbeitslosen, der Migranten ist verhältnismäßig hoch.
Eine kath. Kirchengemeinde versucht hier nicht nur für den Glauben zu werben,
sie will auch etwas tun für die Leute vor Ort, praktische Unterstützung, Not lindern, vor allen aber Hilfe zur Selbsthilfe anbieten:
Hubert Kötter ist hier der Richtige.
Er bekommt eine vorübergehende Stelle beim Caritaspflegedienst. Menschen, die häuslich gepflegt werden zu kontaktieren und so gut wie möglich miteinander in Kontakt zu bringen, das war seine erste Aufgabe.
Eine ev. Kirchengemeinde sucht Mitarbeiter. Immer wieder stehen Wohnungslose vor der Tür, die meist nur etwas zu Essen haben wollen, oder eine Zigarette, am besten aber ein festes Dach über dem Kopf:
Hubert ist hier der Richtige.
Er sieht nicht nur das Unvermögen der betroffenen Menschen, sondern er sieht alle Hintergründe, auch die Fehler im sozialen System, die zu solch einer Not führen.
Die Gemeinde mietet eine Wohnung für bis 8 Personen, 2 Etagen. Die Menschen werden dort hingeschickt. Aber wie soll das gehen, verschiedene Menschen in einer Wohnung. Menschen, die oft nicht gelernt haben, mit anderen umzugehen und zusammenzuleben und beständig hier verantwortlich zu sein:
Hubert Kötter ist hier der Richtige.
Ihm ist es egal, bei wem er arbeitet, nicht aber, für wen er arbeitet!

SEINE VISION
- sich für die Menschen einsetzen, die an den Rand gedrängt werden,
- die durch das soziale System ausgeschlossen werden, unter ungerechten Strukturen leiden,
- die, ganz auf sich gestellt, nur wenige Chancen hatten,
SICH FÜR DEREN RECHTE EINZUSETZEN
- Hubert sagte auch schon mal: „die verarscht wurden“,
- für die war er da, das war seine Aufgabe,
- das wird ihm zur Aufgabe ein Leben lang.
Dabei blieb er wie diese Leute einfach und bescheiden. Symbolisch dafür ist, dass er nun hier im Sarg nicht im Anzug und fein gemacht, sondern mit seinem Pullover – wie im Alltag – liegen wollte.
ER SELBST
- Hier geht es nicht darum, was man verdient, sondern, dass die Leute zu ihrem Recht kommen, obwohl es ihm sicher gut getan hätte, manches Mal dafür auch etwas zu bekommen.
Nein, auch hier war Hubert oft auf der Verliererseite: Hatte manche Rückschläge zu ertragen, z.B. mit wenig Geld in einer kleinen Wohnung wieder eine Mieterhöhung – damit musste er oft leben, und vielleicht ist es nur seiner Bescheidenheit zu verdanken, dass er damit auch leben konnte und sich dann zusätzlich noch so stark engagierte.

Meine Begegnungen mit Hubert:

Ich kannte Hubert aus der Zeit in der ersten Pfarrgemeinde: oft haben wir in seinem Arbeitszimmer gesessen und gelacht.
Manche Gespräche über die Jugendlichen am Ort wurden geführt, die kannten wir zum großen Teil beide. Manchmal konnte ich sein Grinsen nicht zurückhalten:
Wenn es nur darum ging, die Jugendlichen für die Kirche zu gewinnen, aber ihren wirklichen Lebensraum, ihre Not nicht zu sehen.
Da war er angeschlagen, das mochte er nicht! Trotz meines kirchlichen Standorts.

Und da konnte ich ihn gut verstehen: Menschen zum Glauben zu verführen und in feste Riten einzubinden, ohne ihre eigene Entscheidung zu suchen: „Das war etwas, das er ein für allemal abgelegt hatte und auch schädlich empfand für die Entwicklung eines Menschen.


Aus der letzten Begegnung mit ihm auf einer Palliativstation eines Kölner Krankenhauses bleibt eindrucksvoll in Erinnerung: Hubert bedauerte es, dass er so viel gejoggt sei. Die Ärzte hätten ihm gesagt, dass er wegen seiner recht guten Kondition noch etwas länger leben könnte. Aber das wollte er nicht mehr. Die extreme Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit waren etwas, das er, der er sein Leben in so hohem Maße der Hilfe und Beratung anderer gewidmet hatte, für sich selbst nicht in Anspruch nehmen wollte. Und sein letzter gesundheitspolitischer Protest galt der Einschränkung, dass Kassenpatienten nur ein zeitlich befristeter Aufenthalt in einem Hospiz zugestanden wird. Sie dürften sich mit dem Sterben nicht allzu viel Zeit lassen, meinte er. Zum Abschied nach der letzten Begegnung haben auch Männer mit ihm geweint. Hubert gelang es, „rechtzeitig“ zu sterben.

Wir werden ihn nicht vergessen!

Heiner Keupp, München
Bernhard Wilhelmer, Berlin


Hubert Kötter ist gestorben –

einer von uns, der die sozialen und gesundheitspolitischen Traditionen und Werte der DGVT nach innen – als Gründungsmitglied vieler Gremien, darunter auch im Forum Beratung – und nach außen – als DGVT-Vertreter in vielen Initiativen und Verbänden z. B. in der Deutschen Gesellschaft für Beratung – verkörpert und vertreten hat.

Eher leise und ohne jede Eitelkeit und Fassade, kontinuierlich und nachdrücklich, beharrend und damit auch ab und zu `nervend´ für uns, die wir oft allzu gern und allzu schnell mal wieder verlockenden Modernismen und Opportunitäten folgen, hat Hubert unsere grundlegenden ethischen und gesellschaftlichen Prinzipien als weiterhin gültige Maßstäbe auch an neue Entwicklungen und Perspektiven angelegt – im Streit für soziale Gerechtigkeit, Partizipation und persönliches wie politisches Empowerment und gegen Armut, Diskriminierung, Randständigkeit und Ausschluss. Nicht nur in diesen heute bei vielen – auch in der DGVT – nicht mehr angesagten Standpunkten und Funktionen wird er uns fehlen – auch als Kollege und Freund.

Aber er hat am Ende versprochen, uns ein Plätzchen im ‚psychosozialen Himmel‘ freizuhalten – und das, obwohl er von solchen Privilegien durch Verbindungen gar nichts hielt! Ein kleiner Trost für alle, die ihn mochten und versuchen werden, ein wenig von dem, für das er gestanden und gekämpft hat, in die psychosoziale Zukunft hinüberzuretten.

Danke Hubert

Frank Nestmann, Dresden