Neues aus Europa - MHE-Tagung, Aktivitäten und neue Vorhaben auf europäischer Ebene[1]
Neues aus Europa - MHE-Tagung, Aktivitäten und neue Vorhaben auf europäischer Ebene[1]
Von Christa Widmaier-Berthold
Die große Jahrestagung von Mental Health Europe (MHE) fand dieses Jahr vom 15. bis 16. Juni in Split statt. War es bei der Abreise in Deutschland noch wenig sommerlich, so tauchten die Tagungsgäste bei der Ankunft an der kroatischen Adriaküste in die Wärme, die Helligkeit und die Düfte eines Mittelmeerurlaubs ein. Unter einem strahlend blauen Himmel verbrachten wir die Tage, tagsüber zwar mit Vorträgen und Diskussionen, abends aber beim Erkunden der schönen Altstadt, die auf den Mauern des römischen Diokletianpalastes erbaut ist – einladender kann eine europäische Begegnung nicht sein.
Die Tagung ermöglichte viele neue Kontakte und Informationen über aktuelle Entwicklungen in Brüssel und bei Mental Health Europe. Die Tagung gibt auch Anlass, auf die zweijährige Zusammenarbeit von DGSP und MHE zu blicken. Was hat sich in dieser Zeit bewegt?
Im Blickpunkt der Jahrestagung: Deinstitutionalisierung und Gemeindeorientierung
Die #Mental Health Europe Conference 2012^ stand unter dem Motto „From individual to collective responsibility. The social determinants of mental health”. Die Plenumsvorträge präsentierten den aktuellen Stand einiger Vorhaben:
– Der europäische Pakt für psychische Gesundheit
– Jürgen Scheftlein (EU-Kommission #Health and Consumer Policy^, Leitung John Dalli) stellte den „European Pact for Mental Health and Well-Being“ vor.
– José Miguel Caldas de Almeida (Koordination des europäischen Pakts) beleuchtete die sozialen Faktoren psychischer Gesundheit.
– Die UN-Behindertenrechtskonvention, Deinstitutionalisierung und der Aufbau gemeindeorientierter Dienste in Europa nach gemeinsamen Kriterien
– Josée Van Remortel (MHE) sprach über Human Rights und den Zugang zu gemeindeorientierten Diensten (sie ist Mitglied in der europäischen Deinstitutionalisierungs-Expertengruppe) und fragte nach Minimalanforderungen für gute gemeindeorientierte Hilfen. Um welche Dienste soll es gehen? Wie können „good practice“ und neue Alternativen entwickelt und aufgebaut werden?
– Jan Pfeiffer berichtete über die Arbeit der Expertengruppe, deren Vorsitzender er ist, und über den Stand der Entwicklung europäischer Standards für innovative, dezentrale, gemeindeorientierte Hilfen. Er stellte die Entwicklung der Deinstitutionalisierung in den „alten“ EU-Mitgliedstaaten der in den „neuen“ Mitgliedstaaten gegenüber. Er skizzierte Ziele und zukünftige Schritte für die Länder, die erst am Anfang der Deinstitutionalisierung stehen. Er empfahl den Tagungsgästen aus diesen Ländern, eine landesweite Strategie zu vereinbaren und die örtlichen Ansprechpartner zu Ist-Analysen, zu schrittweiser Deinstitutionalisierung und gleichzeitigem Aufbau gemeindeorientierter Hilfen zu ermutigen. Für die „stakeholder“ und die Nutzer sollen Partizipationsstrukturen geschaffen werden. Er appellierte auch an MHE, sich auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, dass die europäischen Strukturmittel, in deren Richtlinien die Deinstitutionalisierung eine Priorität darstelle, in den Jahren 2014–2020 tatsächlich auch dem psychiatrischen Bereich zugutekommen.
In Foren wurden diese Themen weiter vertieft: Human Rights und Zugang zu gemeindeorientierten Diensten, Aufbau starker und unterstützender Netzwerke, bürgerschaftliches Engagement beim Aufbau von Netzwerken in ländlichen Regionen, Veränderungen der Haltungen von Arbeitgebern und die Rolle der Medien dabei, aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen.
Der Tagung vorgeschaltet war ein Symposium über „posttraumatische Störungen und ihre Auswirkungen auf die zweite und dritte Generation“. Ziel war es, den Rahmen der europäischen Tagung zu nutzen, um vor allem Teilnehmern aus dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch interessierten Gästen der größeren MHE-Tagung neue Forschungsergebnisse zu kriegsbedingten Traumata und deren Auswirkungen auf Kinder und Familien vorzustellen, ein Thema, über das man sich nach dem Ende des Bürgerkriegs noch wenig auseinandergesetzt hatte. In der Diskussion ging es um Bedingungen für „Heilung“ und „Empowerment“ in der aktuellen gesellschaftlichen Situation.1
„Psychische Gesundheit“ – europäische Entwicklungen und das Engagement von MHE
Sich orientieren
Es ist nicht einfach, sich über die Entwicklungen auf der europäischen Ebene und die EU-Programmen, die die Psychiatrie betreffen, zu informieren. Um das zu erleichtern, hat MHE einen Wegweiser herausgegeben, der nützliche Links zusammenstellt und die europäischen Institutionen, die verschiedenen Kommissionen, Ausschüsse und wichtige Programme beschreibt. Der EU-Entscheidungsprozess in Bezug auf Menschen mit psychischen Problemen wird dargestellt, auch die #Strategie Europa 2020^ und die #Offene Methode der Koordinierung^. Der Wegweiser gibt auch praktische Tipps wie den, auf die Europaabgeordneten zuzugehen, die sich für „psychische Gesundheit“ interessieren, und regelmäßig mit ihnen Kontakt zu halten.2
Wegen der Vielfalt und der Überschneidungen der europäischen Programme können hier nicht alle Entwicklungen, die mit „psychischer Gesundheit“ und „Psychiatrie“ zu tun haben, erwähnt werden. Vielmehr werden hier einige besonders interessante Vorhaben ausgewählt und das Engagement von MHE notiert. Mehr Informationen bieten die Website von MHE und der monatliche MHE-Newsletter.
Interessante Vorhaben
– Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention: Eine Expertengruppe erarbeitet gegenwärtig europäische „guidelines“ für Deinstitutionalisierung und den Aufbau innovativer, gemeindeorientierter Dienste: mit Kriterien für „best practice“, Standards, Erfahrungen, Zielen und praktischen Empfehlungen. Diese Richtlinien wenden sich an vier Zielgruppen: Kinder, Erwachsene, die an einer Behinderung oder einer psychischen Erkrankung leiden sowie alte Menschen. MHE arbeitet in dieser Expertengruppe mit.
– Vorbereitung der „Action on Mental Health and Well-Being“, Beginn 2013: Der #European Pact for Mental Health and Well-Being^ wurde 2008 von der Europäischen Kommission initiiert (Entwicklung von Prävention und gemeindeorientierten, inklusiven Hilfen und Versorgungskonzepten). 2011 forderten der Rat der Europäischen Union, die Kommission und die Mitgliedsländer dazu auf, im Rahmen des EU-„Health for Growth Programme“ in zusammenzuarbeiten. Das Aktionsprogramm startet 2013 unter dem Vorsitz von Professor Caldas de Almeida (Lissabon) und wird drei Jahre dauern. In der Bundesrepublik soll es um „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ gehen.
– Vorbereitung des EU-Programms „Health for Growth“ 2014–2020: MHE erreichte, dass „psychische Gesundheit“ in das neue Förderprogramm einbezogen wird.3
– Eigene Projekte: MHE führte ein Präventionsprojekt im Bereich Gewalt gegen Frauen durch („Train – Improve – Reduce“), das sich vor allem an Justiz und Polizei wendet.
Weitere Aktivitäten
– Stellungnahmen zu Entwicklungen in einzelnen Ländern: MHE kritisierte das in Frankreich vor einem Jahr beschlossene Unterbringungsgesetz und forderte die französische Regierung auf, es zu korrigieren.
– Europäisches Jahr 2012 für aktives Altern und intergenerationelle Solidarität: MHE führte eine Tagung zum Zusammenhang von psychischer Gesundheit und (Nicht-)Beschäftigung bei älteren Menschen durch.4
– Neue Initiativen:
(a) MHE gründete zwei neue Ausschüsse: eine Arbeitsgruppe „soziale Inklusion von schwachen Gruppen“ (vor allem wohnungslose Menschen mit psychischen Problemen) und eine Arbeitsgruppe „Active Ageing“ (diese geht teilweise auf die Anregung der DGSP zurück, eine gerontopsychiatrische Arbeitsgruppe einzurichten). Diese Arbeitsgruppe wird von Marita Ruohonen geleitet. Geplant ist, sich zuerst einen Überblick über die in den europäischen Ländern vorhandenen unterschiedlichen gerontopsychiatrischen Hilfen und über „best practice“-Ansätze und Entwicklungsziele zu verschaffen. Dann sollen gemeinsame Ziele, vielleicht auch ein Projekt, entwickelt werden.
(b) MHE bereitet drei neue Projekte vor: „Gewalt gegen Kinder“, „Grundrechte“ und „Deinstitutionalisierung“.
Zusammenarbeit von MHE, DGSP und Dachverband Gemeindepsychiatrie
Auf der MHE-Mitgliederversammlung in Split wurden einige neue Mitglieder in den Vorstand gewählt, darunter Birgit Görres, Geschäftsführerin des Dachverbands Gemeindepsychiatrie. Der Dachverband übt die Funktion eines „focal point“ für Deutschland aus, d.h. einer Stelle, die die „europäischen“ Informationen und Aktivitäten zwischen MHE und den deutschen Mitgliedern koordiniert. Die Verstärkung der deutschen Stimmen bei MHE wird sicher auch der Zusammenarbeit und der Kommunikation mit MHE zugutekommen.
Dr. Christa Widmaier-Berthold ist Diplom-Pädagogin (Stuttgart) und DGSP-Delegierte bei MHE.
Anmerkungen:
1 Tagungsbeiträge siehe www.mhe-sme.org/news-and-events/mhe_conference_2012.html – Informative Links: Website von Mental Health Europe: www.mhe-sme.org; MHE-Newsletter für Juni 2012: www.mhe-sme.org/news-and-events/monthly-newsletter.html; Kurzfassungen der Tagungsbeiträge: www.mhe-sme.org/news-and-events/mhe_conference_2012.html
2 „Worauf es ankommt“ – Vademekum der Europäischen Institutionen und EU-Politik für psychische Gesundheit und Menschen mit psychischen Problemen, hrsg. von MHE, Dezember 2011; www.mhe-sme.org/publications/MHE-leaflets.html
3 Zu Zielen und Förderkriterien siehe http://ec.europa.eu/health/programme/docs/prop_prog2014_en.pdf
4 Zu den beiden Punkten vergleiche auch den Beitrag der Autorin in der „Sozialen Psychiatrie“ 4/2011, S. 52 f. – d. Red.
[1]Quelle: Soziale Psychiatrie 04/2012, Oktober 2012; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin.