Professoren erörtern 'Gesundheit nach Maß'
Der Advent ist die Zeit der Besinnung und der Erwartung. Im Rückblick des Berliner Korrespondenten auf das endende Jahr macht eine Veranstaltung vor allen anderen den berechtigten Anspruch geltend, die Erinnerung besonders zu verdienen. Indessen vermittelt sie erheblich mehr Besinnung als Erwartung. Zumindest wenn es dabei um gesundheitspolitische Konsequenzen gehen sollte. Denn die Erinnerung verknüpft sich zugleich immer wieder mit dem lateinischen Wort für Muße, "Otium". Es steht für literarische Beschäftigung ohne politische Hektik und drängte sich dem Berichterstatter schon während der hier gemeinten Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften auf. Sie fand an einem Freitagabend statt. Allein der Termin sagt viel über das Selbstbewußtsein der veranstaltenden Professoren aus. Denn wer nimmt sich in der stets unruhig-bewegten Hauptstadt am Beginn eines Wochenendes Zeit für ein Seminar mit dem Titel "Gesundheit nach Maß?" Doch die Akademie behielt mit ihrem Vertrauen ins Fachpublikum Recht. Sie hatte ihren Saal voll. Im Auditorium saß jedoch kein einziger Journalist von den schnellen, tagesaktuellen Medien. Die Erwartung auf eine Schlagzeile gab diese Veranstaltung wohl nicht her.
Die Wissenschaftler legten vielmehr an diesem 16. Juli als Ergebnis einer vierjährigen Gemeinschaftsarbeit eine transdisziplinäre Studie von feinster Nachdenklichkeit vor. Entsprechend hob der Sprecher der neunköpfigen Arbeitsgruppe, Professor Carl Friedrich Gethmann, Ordinarius für Philosophie an der Uni Essen, gleich zu Beginn hervor, daß es sich um akademische Erwägungen handele, die der Politik nicht deren Aufgaben streitig machen wollten. Jeden Zweifel daran beseitigt ein einziger Blick auf die Gliederung des ersten Kapitels. Welcher Politiker beschäftigt sich schon ernsthaft mit "Gesundheit und Krankheit als Wesenszüge der conditio humana", mit "Kranksein im sozialen Kontext" oder der "Multidimensionalität des Krankheitsphänomens"?
Der Arbeitsgruppe gehören neben ihrem Sprecher ein weiterer Philosoph, zwei Rechtswissenschaftler, drei Mediziner, ein Pharmakologe, ein Biologe sowie ein National- und Gesundheitsökonom an. Eben letzterer, Professor Klaus-Dirk Henke, stellt sich nach mehrjähriger gemeinsamer Forschung noch immer offen und ehrlich die Frage, was im Gesundheitswesen eigentlich zu Recht als "Standard" zu bezeichnen sei. Henke kritisiert - wie alle seine Mitstreiter - die politische Kurzatmigkeit. Dabei erscheint auch ein kleiner Seitenhieb auf seine Kollegen Bert Rürup und Eberhard Wille nicht unbedingt unhöflich, sondern nur wirklichkeitsnah. Da nämlich, wo Henke meint, die beiden Erwähnten blieben mit ihren Beiträgen nur innerhalb des gegenwärtigen Systems der gesetzlichen Krankenversicherung, während die eigenen transdisziplinären Forschungen weit darüber hinausgingen. In der Tat rechnen Rürup und Wille ja nicht nur für die Regierung, sondern hatten auch Eilauftragseingänge von der Assekuranz, aber dem Vernehmen nach selbst aus der Union, die in ihrem hoffnungslos verfestigten Streit um die Kopfprämie von den Professoren vertrauensfördernde Berechnungen erwartete, welche diese am Ende in der gewünschten Hurtigkeit gar nicht leisten konnten. Rürup und Wille haben - wie andere auch - inzwischen die therapeutischen Finger ganz weit drin in der Schlammpackung realexistierender Gesundheitspolitik.
Nicht nur im Gesundheitsökonomischen, wo sich die Gruppe auch mit der Endlichkeit umlagefinanzierter Gesundheitssysteme und möglicher Kapitaldeckung - auch im europäischen Vergleich - befaßt hat, sondern auch im Rechtlich-Grundsätzlichen ist das aus der Studie hervorgegangene Buch gerade Gesundheitspolitikern auf dem Wege zum eigenen Ich zu empfehlen. Aber auch von ihnen war an dem schönen Sommerabend im repräsentativen Sitz der Akademie am Berliner Gendarmenmarkt keiner präsent - zumindest kein so prominenter, als daß der mit der Bundespolitik befaßte Berichterstatter ihn erkannt hätte.
Der Rechtswissenschaftler Jochen Taupitz klärte beispielsweise darüber auf, daß ein Anspruch auf Gesundheitsleistungen mitnichten aus den Grundrechten abzuleiten sei. Die Arbeitsgemeinschaft habe sich deshalb gefragt, so Taupitz, ob der Staat überhaupt dazu verpflichtet sei, ein Gesundheitswesen zur Verfügung zu stellen. Die Verfassung, also das Grundgesetz, liefere dazu nach Auffassung des Jura-Professors wenig Vorgaben, um daraus ein konkretes Gesundheitssystem abzuleiten, viel weniger noch ein direkt gesetzlich festgelegtes, ärztliches Ethos. Die Ärzteschaft, sagt Taupitz, sei sowieso niemals aus ihrer konkreten Aufgabe zur Zuteilung (von Gesundheitsleistungen) zu entlassen.
Die Professoren stellen hier die hoch gewichtige, wenn nicht gar die zentrale Frage für die Diskussion über das Gesundheitswesen, nämlich die bisher von keiner politischen Partei schlüssig beantwortete Frage nach der Umverteilung. Eberhard Schmidt-Aßmann, auch er Rechtswissenschaftler, bemängelt u.a., daß das Sozialstaatsprinzip große Teile der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion beherrsche und fordert im Gegensatz zum "Gewährleistungsstaat", die freiheitliche Seite mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Und der emeritierte Medizinprofessor Hanfried Helmchen beklagt flankierend, daß in der aktuellen Diskussion weitgehend ökonomische und soziale Probleme den Vordergrund besetzten und überwiegend ohne Ärzte stattfänden. Selbst wenn diese einbezogen wären, so Schmidt-Aßmann, geschähe dies auch nur unter ökonomischen Kriterien. Der Arzt dürfe jedoch nicht zum Sachwalter der Kostenträger im Gesundheitswesen werden.
Wie angenehm das namentlich den Ärzten selbst, die sich von der täglichen Gesundheitsbürokratie in der Praxis bedrängt sehen, in den Ohren klingen muß. Obwohl es auch ein wenig an die Warte des Elfenbeinturms erinnert. Im realen Gespinst der Gesundheitspolitik hat jedoch die Ärztelobby, anders als Professor Helmchen meint, alle fünf Sinne genauso tief verwoben wie andere Lobbyisten einschließlich der ihnen verbundenen oder sie ablehnenden oder mitunter gar kooptierten Politiker. - Der Korrespondent fühlt einen Anflug von Neid. Muß es nicht schlicht erhebend sein, sich so akademisch sorgfältig und grundsätzlich wie die neun Professoren mit den Schwächen des Gesundheitswesens und Erwägungen für seine nachhaltige Stärkung zu befassen? - Statt täglich im sogenannten Haifischbecken nach Brocken zu schnappen, die berichtenswert erscheinen? - Und die sich oftmals nur als Köder für Verlautbarungsjournalismus erweisen? - Auch für Politiker ist die Studie durchaus eine Anregung für die Bücherliste auf dem weihnachtlichen Gabentisch. Sie ist geeignet, für ein paar Stunden die nächsten öffentlichen Auftritte im Wahlkreis, im Parlament, auf gesundheitspolitischen Schauveranstaltungen zu vergessen, bei denen es selten um viel mehr geht als reproduzierte und sich weiter reproduzierende Parteigänger- und Wählerfangrituale.
Davon aber sind die Professoren weit entfernt. Ihr Gemeinschaftsoeuvre ist deshalb allen wärmstens empfohlen, die während der kommenden Feier- und Festtage über das deutsche Gesundheitswesen einmal etwas tiefschürfender nachzudenken bereit sind. Ohne sich politischen Konsequenzen konfrontiert zu sehen, können sie sich Otium schenken lassen. Zu erwerben in der nächsten Buchhandlung unter dem Titel: "Gesundheit nach Maß? - Eine transdisziplinäre Studie zu den Grundlagen eines dauerhaften Gesundheitssystems", Akademie Verlag, 347 S., 69, 80 Euro, ISBN 3-05-004103-X.
[1] Quelle: gid 9. Jahrgang, Nr. 38, 3.Dezember 2004, Seite 20 ff