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Aktuell  • Rosa Beilage 2/2009

Pseudo-Aufklärung von RTL gefährdet alle Beteiligten „Erwachsen auf Probe“ ist ein neuer Höhepunkt des virtuellen Doku-Soap-Unwesens - Stellungnahme der DGVT

22. Mai 2009

Mit der Sendereihe „Erwachsen auf Probe“, die der Fernsehsender RTL von Anfang Juni an ausstrahlen will, wird ein neuer Höhepunkt des TV-Voyeurismus angesteuert. Zugunsten einer erhofften Zuschauerquote werden alle Hemmungen gegenüber den langfristigen Folgen für die beteiligten Babys, Jugendlichen und Eltern fallen gelassen.

 

Der mündige Zuschauer ist gefragt – denn die vorgegaukelte Realität solcher „Doku-Soaps“ ist ein geistig armseliger Betrugsversuch.

In „Erwachsen auf Probe“ sollen Teenager-Paare mit Leih-Babys den Alltag einer Familie testen. RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger rechtfertigt das Menschenexperiment mit der steigenden Zahl von Teenager-Müttern und Schwangerschaften bei minderjährigen Mädchen: „Auch wegen dieser großen sozialen Relevanz machen wir das Projekt“, beteuert er im Focus-Interview. Im gleichen Atemzug versichert Sänger, dass keinem der „ausgeliehenen“ Babys durch die Dreharbeiten ein Schaden entstanden sei. Überwachungskameras rund um die Uhr, „erfahrene Erzieherinnen“, eine Kinderpsychologin und eine Ärztin hätten für „absolute Sicherheit“ der Kinder gesorgt.

Schon diese beiden Aussagen genügen eigentlich, um den ganzen Schwindel zu entlarven. Gemeinsam ist „Erwachsen auf Probe“ mit all den anderen Kuppel-, Erziehungs-, und Pseudoberatungsshows auf RTL und anderen Kanälen vor allem eines: Sie gaukeln eine Realität vor, die so nie existiert hat und mit dem realen Alltag der Protagonisten so wenig zu tun hat wie mit der Wirklichkeit der Zuschauer. Die Akteure vor und hinter den Bildschirmen werden schlichtweg betrogen.

Der Preis dafür ist hoch: Experten aus dem Bereich des Kinderschutzes und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie warnen unisono vor den langfristigen Folgen für die psychische Entwicklung der Babys, aber auch der Teenager und der echten Eltern durch diese Instrumentalisierung. Bindungsprobleme, Verlustängste, seelische und körperliche Beschädigungen bis hin zu organischen Veränderungen in den Gehirnen der Säuglinge und Kleinkinder werden als mögliche Folgen für die menschlichen Versuchskaninchen beschrieben. Auf Unterschriftenlisten, in Protestschreiben an RTL und Appellen an die Medienaufsicht fordern die Fachleute, die Ausstrahlung der längst abgedrehten Folgen zu verhindern. Dieser Forderung schließt sich auch die DGVT mit Nachdruck an.

Auf Einsicht bei den Machern solcherlei Doku-Soap-Schwachsinns zu hoffen, hat allerdings vermutlich mit der Wirklichkeit kaum mehr gemein als die zu befürchtenden Bilder, die in Kürze auf den Bildschirmen flimmern werden. Gefordert sind an dieser Stelle deshalb auch die TV-Konsumenten. Sie laufen Gefahr, zu Mittätern zu werden, indem sie solchen Fernsehbeiträgen und -serien zu den angestrebten hohen Einschaltquoten verhelfen. Denn diese Einschaltquoten sind es, die die Sender zu einer immer ungehemmteren Instrumentalisierung von wehrlosen oder vorgeschädigten Menschen anstiften, weil sie es ihnen erlauben, teure Werbespots zu platzieren.