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Aktuell  • Psychotherapie

Rezension zu "GEK-Report ambulant-ärztliche Versorgung 2007"

18. Dezember 2007
 

Grobe, T., Dörning, H., Schwartz, F.W.: GEK-Report ambulant-ärztliche Versorgung 2007. GEK-Edition Band 59, Asgard-Verlag, St. Augustin, 2007. ISBN 978-3-537-44059-4. 14,90 Euro.

Auswertungen von Routinedaten aus der ambulanten Versorgung spielen bisher in der Epidemiologie nur eine untergeordnete Rolle. Die Umsetzung der Datentransparenzregelung nach § 303 a) bis f) SGB V kommt nicht recht voran, die Epidemiologie, auch in ihrem Segment Versorgungsforschung, hat sich vielfach anderen Datenquellen zugewandt.

Der jetzt zum zweiten Mal vorgelegte GEK-Report zur ambulant-ärztlichen Versorgung zeigt jedoch, welches Potential in den Daten der ambulanten Versorgung steckt. Der Report umfasst drei Teile. Der erste Teil gibt einen Überblick über die ambulante Versorgung, etwa die Inanspruchnahme ambulanter Behandlungen im zeitlichen Verlauf, nach Alter und Geschlecht, nach Region, die fachärztliche Behandlungshäufigkeit oder die nach Diagnosen differenzierten Behandlungsanlässe. Der zweite Teil ist dem Schwerpunkt der ambulanten Psychotherapie gewidmet und beschreibt sehr differenziert einzelne Störungsbilder nach Alter und Geschlecht. Der dritte Teil des Buches stellt die Auswertung der Arbeitsunfähigkeitsdaten dar – diese Daten werden auch von anderen Krankenkassen seit längerem bereitgestellt.

Der Report wartet mit gewichtigen Botschaften auf. Beispielsweise sei die Zahl der Arztkontakte in Deutschland mit 17,1 Kontakten pro Kopf deutlich höher als im internationalen Vergleich und auch höher als in den OECD-Statistiken ausgewiesen. Der eigentliche „Datenschatz“ ist aber im zweiten Teil des Buches zu heben, also in der Darstellung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung. Auch hier wartet der Bericht zunächst mit einer beeindruckenden Aussage zum Mengengerüst der Versorgung auf: die Zahl der bewilligten Psychotherapien sei in den letzten 7 Jahren um 61 % gestiegen. Inwiefern diese Zahl repräsentativ für die Versicherten anderer Krankenkassen ist oder eine Besonderheit der GEK-Versicherten widerspiegelt, sei einmal dahingestellt. Wer dahinter eine ungerechtfertigte Ausweitung der Psychotherapie vermutet, dürfte jedenfalls falsch liegen. Dies soll nur an zwei Beispielen gezeigt werden. In der Diagnosegruppe F 30 – F 39 (Affektive Störungen, z.B. Depressionen) beschreibt der Report einen starken Anstieg der Zahl der diagnostizierten Störungen mit dem Alter einerseits und einen ebenso ausgeprägten Rückgang der bewilligten Psychotherapien im Alter andererseits. Diesem Auseinanderklaffen zwischen Diagnose und Psychotherapie bei älteren Menschen wäre nicht nur angesichts der mit dem Alter stark ansteigenden Suizidraten dringend nachzugehen. Dass Depressionen beim Hausarzt gerade bei Älteren zu selten erkannt bzw. zu selten diagnostiziert werden, ist eine Seite der Unter- bzw. Fehlversorgung psychisch kranker älterer Menschen. Dass trotz vorliegender Diagnose nur selten eine Psychotherapie eingeleitet wird, scheint eine zweite Seite dieser Problematik zu sein. Zudem ist anzunehmen, dass sich die Differenz zwischen diagnostizierten und psychotherapeutisch behandelten Depressionen sozial ungleich verteilt. Ein zweites Beispiel: Hyperkinetische Störungen bei Kindern (F 90) nehmen in der öffentlichen Diskussion seit einiger Zeit viel Raum ein, in den Medien ist gelegentlich von einer „Zappelphilipp-Generation“ zu lesen. Dem GEK-Report zufolge waren im Jahr 2006 9,6 % der Jungen und 3,5 % der Mädchen im Alter von 5 bis 9 Jahren mit einer solchen Diagnose in ambulanter Behandlung. Auch hier liegt der Anteil der Kinder mit einer bewilligten Psychotherapie deutlich niedriger. Für andere Störungsbilder, z.B. die Störung des Sozialverhaltens (F 91), gilt ähnliches. Auch hier wäre es interessant zu wissen, wie sich der Anteil der Kinder mit Diagnose, aber ohne Psychotherapie, nach sozialer Herkunft verteilt. Versorgungsgerechtigkeit wird sich schließlich auch im Bereich der Psychotherapie nicht im Alleingang herstellen.

Der GEK-Report enthält zum Schwerpunkt „Psychotherapie“ außerdem Analysen zu Arzneiverordnungen, Krankenhausaufenthalten, zum Behandlungsverlauf und zum Outcome bei unterschiedlichen Therapieformen und –verfahren. Hingewiesen sei jedoch auch auf einige Schwächen des Reports. So ist die Häufigkeit der Inanspruchnahme von ärztlichen Behandlungen nach einer Psychotherapie (S. 192 ff.) zwar ein interessanter gesundheitsökonomischer Indikator, aber als Kriterium des Erfolgs einer Psychotherapie sicher nicht ausreichend. Auch der Beobachtungszeitraum von drei Jahren dürfte für eine Bewertung von Therapie-Outcomes zumindest bei Langzeittherapien zu kurz sein. Die Unwirksamkeit von Psychotherapien, wie die Studie in ersten Reaktionen schon interpretiert wurde, lässt sich aus den Daten jedenfalls nicht ableiten. Die Psychotherapie-Forschung ist hier einen Schritt weiter. Gelegentlich gibt es auch handwerkliche Unsauberkeiten, so ist z.B. die ICD-Ziffer F 90 nicht, wie im Text erläutert (S. 186), mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) gleichzusetzen. ADS ist dadurch gekennzeichnet, dass gerade keine hyperkinetische Störung vorliegt und wird unter F 98.8 codiert.

Das schmälert aber nicht den Verdienst des GEK-Reports, die ambulanten Versorgungsdaten in einer erkenntnisreichen Weise erschlossen zu haben. Die ambulanten Versorgungsdaten liefern für die Psychotherapie-Forschung sehr aufschlussreiche Grundlagen, es geht darum, sie systematischer als bisher zu nutzen. Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben, die Daten sind übersichtlich aufbereitet und vielfach grafisch dargestellt. Der Report ist im Buchhandel erhältlich, er kann aber zusammen mit zusätzlichen Tabellen auch im Internet heruntergeladen werden: www.gek.de/10467.

Dr. Joseph Kuhn, Oberschleißheim