Sintflut über Bethel
Brennpunkt Heimversorgung. So nicht - aber wie dann? So war die gemeinsame Tagung von DGSP und Stiftungsbereich Gemeindepsychiatrie der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel (vBAB) betitelt. Also auf in den Brennpunkt Heimversorgung, nach Bethel! Drei gestandene Mitarbeiterinnen, wie ich im Heimbereich der Neuruppiner Klinik tätig, begleiten mich ins westliche Inland. Sturmtief Yasna unternimmt allerhand Versuche, uns samt Dienstwagen von der Autobahn zu pusten. Das gelingt ihm nicht; um halb zwei nimmt die Tiefgarage unterm "Roten Platz" in Bethel das Auto auf. Bei einsetzendem Regen stellen sich die Insassen vor dem Assapheum zur Aufnahme an.
Strukturqualität
Mehr als 350 TeilnehmerInnen haben sich angemeldet, darunter auch MitarbeiterInnen der vBA Bethel. Mit der Disziplin, die sozialpsychiatrisch Tätigen eigen ist, strömen sie jetzt herbei, um just in time ihre Plätze einzunehmen. Die Tagungsorganisation beweist ihre Professionalität und händelt den Ansturm souverän. Innerhalb der akademischen Toleranzgrenze ist der Kongress startklar.
Zu den technischen Ansagen gehört eine kurze Einweisung ins Organigramm. Roter Punkt am Namensschild kennzeichnet die EntscheiderInnen; grün: hat Ortskenntnis, aber nichts zu sagen; blau: weiß irgendwas, ist aber nicht ortskundig. Ich kontrolliere kurz, dass mein Button keinen Punkt hat.
Das Organisationsteam leistet hervorragende Arbeit, lotst 350 Tagende zu sechs Außenaktivitäten und 16 Workshops, jeweils in der richtigen Anzahl, zum richtigen Zeitpunkt, an den richtigen Ort. Zu Recht werden am Ende alle mit Applaus belohnt, einige von den Veranstaltern stellvertretend mit Blumen geehrt.
Das Assapheum ist ein traditionsreicher Veranstaltungsraum, ganz in rotem Backstein wie so vieles in Bethel, mit angenehmer Atmosphäre, guter Ton- und Lichttechnik. Eigens für diese Veranstaltung haben behinderte KünstlerInnen unter dem Motto "HEIMliche Träume" eine beeindruckende Dekoration geschaffen. Um 'rein' oder 'raus' zu kommen, muss man durchs Foyer. Wenn doch bloß die Menschen nicht diese Angewohnheit hätten, punktgenau an den engsten Stellen zu entschleunigen, zu verharren, Wurzeln zu schlagen, stationär zu werden ... Erschwerend kommt hinzu, dass das Raucherareal vor dem Eingang sich dieser Tage als Aquapheum präsentiert; es regnet in alttestamentarischen Dimensionen. Wer also mühsam den Weg aus dem Saal gefunden hat, kehrt nach wenigen Notinhalationen gleich wieder um - oder bleibt noch ein bisschen in der Tür stehen ...
Der Pausenkaffee ist gut und fließt in nimmer versiegenden Strömen. Kaufhaus Ophir schräg gegenüber versorgt mit allen anderen Waren des täglichen Bedarfs. Mittagessen gibts in der Kantine gleich um die Ecke. Noch mal 50 Meter weiter steht die Neue Schmiede, hier wird Freitagabend das Tagungsfest steigen. Auch die "Außenaktivitäten" finden in Bethel statt. Ist das nun integrierte Komplexleistung oder ist es Institution total?
Die Sintflut vereitelt jeden Versuch, die Arche wenigstens in den Pausen zu verlassen, um das benachbarte Bielefeld zu erkunden. So kommt es immerhin zu einigen Begegnungen, die unter anderen Umständen vielleicht nicht zustande gekommen wären. Zum Beispiel das erfreuliche Wiedersehen mit Professor Ingmar Steinhart, der viel gelassener auf die Brandenburger Kalamitäten schaut als damals, als er noch mitten drin saß. Oder der Austausch mit Jürgen Ester aus Gütersloh, der mit Matthias Heißler das John-Rittmeister-Haus der Gütersloher Klinik leerte. Für zwei Wochen durfte ich damals dort hospitieren, um das Enthospitalisieren zu lernen. Zurzeit baut Jürgen Ester in Gütersloh ein Heim, weil die Akutstationen mit LangzeitpatientInnen "vollgelaufen" sind.
Prozessqualität
Wolfgang Bayer begrüßt im Namen der Vorbereitungsgruppe. Er zeigt sich befriedigt über das ausverkaufte Haus, sieht in der starken Resonanz die Legitimation der Veranstaltung. Im Vorfeld hatte es harte Debatten um Form, Umfang, Inhalt der Tagung und um die grundsätzliche Frage gegeben, ob das Heime-Thema schon wieder dran sei. Die Nachfrage legitimiert nun das Angebot, wir Skeptiker schweigen still und hoffen mit Wolfgang Bayer auf reichen Erkenntnisgewinn.
Es folgen die Grüße der veranstaltenden Organisationen. Jürgen Lempert-Horstkotte für den Stiftungsbereich Gemeindepsychiatrie hat einige Zahlen zum Woher und Wohin parat. Die Zeiten seien längst vorbei, in denen in Bethel seelisch behinderte Menschen überregional aufgenommen wurden. Die Region mit 320000 EinwohnerInnen solle dereinst mit 80 Plätzen für psychisch Kranke versorgt werden. Im Heim sieht er ein gesellschaftliches Symptom; es gelte zukünftig, die Grenzen zwischen Profis und Bürgern einzureißen. Günter Storck vom DGSP-Bundesvorstand stellt sich als Geiselnehmer vor (kennt er Dörners Rede schon, die doch erst tags darauf gehalten wird?). Er variiert das Bild von den einzureißenden Symptomen bzw. heilungsbedürftigen Grenzen, indem er sich wünscht, dass Heime in der Versorgungslandschaft nicht heimisch bleiben mögen.
Bielefelds Sozialdezernent Günter Garbrecht ist gleichzeitig MdL und deshalb in Düsseldorf unabkömmlich. Allein sein Grußwort ist schriftlich anwesend und wird von Britta Lohmann und ihrer Lesebrille korrekt wiedergegeben. Renate Schernus, mit ihrem wunderbaren Gespür für Sprache, Inhalte, Zwischentöne (vorläufig letzte Beweise: die Soltauer Impulse und das schelmische "Leonardo-da-Vinci-Modell", SP 3/2004), Renate Schernus also als Moderatorin dieses Nachmittags entdeckt das Spannende in den Grußworten und muss das gar nicht näher erläutern.
Eine gelungene Multimedia-Präsentation folgt nun, munter dargeboten von Lisa Schulze Steinmann. Gedichte, Werbesprüche, Musik, Fotos rund um das zentrale Substantiv. My Heim is my home. Besonderen Applaus erhält ein Bagger der Firma Dörner, der in Rostock beim Abriss eines Heimes ertappt wurde.
Aber dann wird es ernst. Der Mensch steht im Mittelpunkt - steht im Programm. Professor der Theologie Udo Schmälzle kommt erst mit 15 Minuten Verspätung zum Zuge und beklagt sogleich, dass er nur 30 solche zur Verfügung habe. Sein Manuskript bedürfe etwa des doppelten Zeitbudgets. Renate Schernus überlegt sich geeignete Interventionen. Schmälzles Wortschatz und Grammatik sind beeindruckend. Der Inhalt schwebt knapp außer Reichweite. Scheue Blicke durch den Saal belehren den verunsicherten Heiden, dass die Aufmerksamkeit ungebrochen ist. Die einen lauschen lächelnd, die anderen mit andächtig geschlossenen Augen. Diakonie und Caritas werden angesprochen, auf ihre Werte verpflichtet, der Rest der freien Wohlfahrtspflege kommt nicht vor.
Erst als Peter Singer auf seine Nähe zur Erbgesundheitspolitik der Nazis untersucht wird, bekomme ich wieder Anschluss. Dieses Magendrücken stellt sich ein, das mich in den letzten Jahren immer öfter befällt. Der Professor hat Wichtiges zu sagen, warum tut er es nicht verständlicher? Renate Schernus entscheidet sich für eine dezente Geste, gewährt drei Minuten Nachspielzeit; Professor Schmälzle sucht und findet den Schlusspunkt.
Bühne frei für Götterspeise, das Theaterprojekt von Menschen mit und ohne einschlägige Behinderungen. Mit sichtbarem Insiderwissen wird der stationäre Alltag auf das Wesentliche reduziert: Aufstehen, Frühstück, Beschäftigung, Mittag, Fernsehen, Abendbrot, und da capo. Applaus, Pause, Kaffee, Zigarette. Es regnet.
Professor Peter Mrozynski tritt an, das Publikum zu fortgeschrittener Stunde mit Gesetzestexten zu unterhalten. Diese schwierige Aufgabe meistert er hervorragend, persönliches Budget, Wunsch- und Wahlrecht, Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken - ein dichtes Informationspaket, zielgruppengerecht präsentiert.
Nach einer weiteren Portion Götterspeise folgt der nächste Hauptgang. "Sex and Drugs and Rockn-Roll - Bedürfnisse von Psychiatrie-Erfahrenen und die Schwierigkeit, sie im Heim zu leben." Klaus Laupichler, 15 Jahre Stationär-Erfahrung in Psychiatrie und Heim, seit fünf Jahren in eigener Wohnung lebend, stellt uns seine Nachdenklichkeit und seine Zweifel zur Verfügung. Treffsicher benennt er die Bequemlichkeiten, aber auch die Zumutungen des Heimlebens, inklusive der sozialpädagogischen Unverfrorenheit, von erwachsenen Bewohnern "Nachreifung" zu erwarten.
Klaus Laupichler hat den Mut, sich von seiner früheren Überzeugung zu distanzieren und nunmehr den Erhalt der Heime zu fordern. Für seine Mutter, die von sich selbst sagt, dass sie allein nicht mehr klar kommt. Für eine psychisch kranke Frau mit mehreren Suizidversuchen, die im Heim Schutz vor ihrer Verzweiflung sucht. Für die Suchthilfe - betreutes Saufen sei allemal besser, als auf der Straße zu krepieren. Ihm selbst sei die Euphorie über das Leben in der Gemeinde vergangen. Sozialhilfegerecht billig im sozialen Brennpunkt zu wohnen, sei kein Zuckerschlecken. Er benennt die gesellschaftlichen Symptome, die heutzutage mit Heimen behandelt werden: Isolation, Schutzlosigkeit, Verlust der Würde. Kreuzehrlich, geradlinig, warmherzig - ich beteilige mich eifrig an dem lang anhaltenden Applaus und freue mich auf den Workshop mit ihm.
Die Professoren Schmälzle und Mrozynski stehen für Nachfragen nicht mehr zur Verfügung, aber das Plenum wirkt sowieso nicht besonders diskussionsfreudig. Also Schluss für heute. Der Regen hat bemerkt, dass nun auch die NichtraucherInnen ins Freie strömen und läuft zur Höchstform auf. Wir verzichten auf den Stadtausgang und stärken uns im Lindenhof für das Kulturprogramm des Abends.
Götterspeise hat nachmittags Appetit auf mehr gemacht. Nun spielen sie das volle Programm "Kleine Welten - große Welten" in der Mamre-Schule und begeistern die etwa 80 ZuschauerInnen. Ich genieße die Bilder, denke nicht viel dabei und werde langsam müde. Die Autobahn, die Sintflut, die Vorträge, die Heime ... "Wer fünf Jahre im Heim ist, ist wunschunfähig und das ist auch gut so. Das Zufriedenheitssyndrom stellt sich ein. Keiner würde wollen, wenn er wüsste, er muss nicht wollen" (Götterspeise, nach Dörner). Ich bin elf Jahre im Heim. Portugal vs. England 8:7 n. V. u. E.
Der Freitag beginnt draußen mit Regen und drinnen mit einer Morgenrunde. Martin Reker und Karsten Beckmann mischen ihre verschlafenen Opfer so gekonnt auf, dass nach fünf Minuten niemand mehr weiß, ob er gerade einen Heimbewohner oder sich selber spielt.
Es folgt ein umfassender Überblick zum spannungsreichen Thema "Haupt- und Nebenwirkungen von Heimen" von Wolfgang Bayer. Die wesentlichen Aspekte sind u.a. nachzulesen in "Die Zukunft sozialpsychiatrischer Heime". Am Ende wissen alle, warum es so ist, wie es ist. Mir fehlt ein Ausblick oder wenigstens ein Seitenblick auf das Tagungsthema, das doch eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Bestehenden vermuten ließ ("So nicht - aber wie dann?").
Frau Professor Petra Gromann hat damals das Großheim Kloster Blankenburg aufgelöst. Heute wartet sie mit einem neuen Konzept auf: "Inclusion". Damit ist der präventive Ansatz gemeint, Ausgrenzung zu verhindern, bevor sie entsteht. Maßnahmen der Wiedereingliederung wären dann nicht mehr nötig. Sie mahnt außerdem eine veränderte Ethik professioneller Helfer an, zitiert einen 9-Punkte-Ethik-Code für Helfer. Schließlich identifiziert sie noch einen professionellen Kunstfehler: "Ich habe die richtige Einstellung, man müsste nur mir überlassen, was zu tun ist." Go in you, Martin ...
In der Pause erklärt mir ein Soziologe, warum Heime erfunden werden müssten, wenn es sie nicht gäbe; und niemand sei ausgegrenzt, solange er nicht ins Ausland abgedrängt werde. Mir fehlen die soziologischen Grundlagen, um das zu begreifen. Zu Kaffee, Nikotin und Wetter ist schon alles gesagt.
Kommen wir zum individualisierenden Teil der Tagung. Sechs Exkursionen vor, 16 Workshops nach dem Mittagessen. Nacherzählungen, "Berichte aus den Arbeitsgruppen" finde ich langweilig. Nur so viel: Klaus Barking vom Bethel-eigenen Fortbildungsinstitut war ein kompetenter Gesprächspartner. Und Workshop 5 hieß "Eine Chance für die Heime". Das war er dann auch.
Endlich aber, zur Prime-Time, der Auftritt des Altmeisters. Ähnlich wie Bob Dylan auf Never Ending Tour, trifft Professor Dr. Dr. Klaus Dörner in Bethel ein, zu seinem vierten Vortrag in dieser Woche. Den hat er schriftlich vorbereitet, was uns beweist, dass er diese Tagung ernst nimmt. Und hinterfragt dann sogleich das Zusammenspiel von Bethel und DGSP, die gemeinsam veranstalten, wo sie doch eigentlich ringen müssten um die Frage, ob es überhaupt Gemeinsamkeiten gebe.
Dörner erläutert sein bekanntes Geiselnehmer-Motiv als notwendige und erfolgreiche PR-Kampagne, deutet es um in eine Würdigung der Heimleiter; erklärt die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf das Sozialwesen; beweist die Unvereinbarkeit von Heimstrukturen mit dem Grundgesetz. Fesselnd, brillant, moralisch und politisch korrekt, meisterhaft vorgetragen; es fällt keine Stecknadel, die man hören könnte. Dann entlässt er die beklommen Lauschenden aus ihrer Anspannung und präsentiert "Gebote für Heimleiter". Nicht neun wie bei Petra Gromann, nicht zehn wie in der Bibel oder bei Michael Eink - vierzehn Imperative müssen schon sein, wenn es um die Heimleitung geht. Und wer im Saal nicht Heimleiter ist, soll seine Fürsorgepflicht für den Vorgesetzten wahrnehmen und ihn jährlich kriterienorientiert auf seine Eignung prüfen.
Klaus Laupichler und ich sind uns einig, dass wir Dörner schätzen, auch wenn er manchmal grob zu uns ist.
Am Sonnabend werden wir mit einem Satirestück eingestimmt: Vertreterbesuch beim Budget-Inhaber. Da wird um Module und Provisionen gefeilscht, und wenn es nötig ist, droht der Kunde dem Dienstleister: "Vorsicht, ich bin schizophren!" Zu Lisa Schulze Steinmanns Referat empfehle ich ihr Buch. An der folgenden Kaffeepause ist erwähnenswert, dass es nicht regnet.
Kommen wir zum Streitgespräch "Wer sucht was in den Heimen?" Frau Twellenkamp beklagt, die Angehörigen seien auf dieser Tagung zur Fußnote degradiert worden. Mechthild Böker-Scharnhölz bringt Beispiele ungewöhnlicher Hilfen für ungewöhnliche Menschen. Klaus Laupichler geht es um die Wurst (die war früher im Heim besser als heute in seinem Kühlschrank). Die Diskussion mäandert munter durchs Feld, das Gespräch fließt, Streit will nicht aufkommen.
Zu guter Letzt stemmt sich Klaus Groth dem Exodus der Heimreisenden entgegen. Das schafft er mit einem augenzwinkernden Ausflug in die Welt des systemischen Denkens. "Was müssen Sie tun, damit Ihre Patienten chronifizieren?" Mit seinen Fallbeispielen schrammt er dicht an der schizophrenogenen Familie vorbei, was aber nicht weiter auffällt.
Ergebnisqualität
Erkenntnisgewinn, ohne Gewähr für Authentizität, Vollständigkeit, Chronologie, Validität, Reliabilität oder Objektivität:
Sintfluten steckt Bethel locker weg. Der überörtliche Sozialhilfeträger kann auch nichts dafür. Impulse kommen aus Soltau (und sind nachzulesen in SP 3/2004, S. 34). Im Verwaltungstrakt wohnen manchmal Systemsprenger. Das Heim ist finanzierungstechnisch ein Erfolgsmodell. Wer es nicht sehen will, schaut einfach nicht hin. Kranke Geiseln für die gesunde Mischung. Ich bin doch nicht blöd und schaffe meinen eigenen Arbeitsplatz ab. Sieh deine Ansichten und sieh, sie sind alt. Investitionen müssen abgewohnt werden. So nicht - aber wie dann. Alle sind auf der Autobahn geblieben. Wir sollten mal wieder auf die Straße gehen.
Martin Osinski ist Diplompsychologe und leitet ein Heim in Neuruppin.
[1]Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Soziale Psychiatrie. Erstabdruck in Heft 4/2004 der Zeitschrift.