Sondergutachten 2009 des Sachverständigenrates "Koordination und Integration - Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens"
Der Sachverständigenrat hat am 30. Juni 2009 sein aktuelles Gutachten mit dem Titel „Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens“ an die Bundesministerin für Gesundheit übergeben.
Der Sachverständigenrat hat in seinem Gutachten die Versorgungs- und Betreuungsangebote mit Blick auf die spezifischen Versorgungsbedarfe der unterschiedlichen Altersstufen im Lebenszyklus eines Menschen untersucht.
Eine zentrale, über die einzelnen Handlungsfelder hinausgehende Aufgabe sieht der Rat darin, Chancengleichheit bei Kindern herzustellen und Entwicklungschancen zu verbessern. Der Rat mahnt eine stärkere Zielgruppenorientierung und Qualitätssicherung der zahlreichen Programme zur Primärprävention und Gesundheitsförderung an. Ausführlich beschäftigt sich der Rat mit Fragen der psychischen Gesundheit, insbesondere mit ADHS, mit Gewaltprävention, mit der Arzneimittelversorgung von Kindern sowie mit Impfungen und Früherkennung in Kindheit und Schwangerschaft.
In einem gesonderten Kapitel beschäftigt sich der Rat mit dem Übergang chronisch kranker Jugendlicher in die Erwachsenenversorgung. Damit nimmt er sich eines bislang wenig beachteten Themas an und empfiehlt die Behebung von Koordinationsdefiziten, die zu ernsthaften Beeinträchtigungen des Gesundheitszustandes der jungen Erwachsenen führen können.
Die Versorgung alter Menschen, die häufig chronisch und mehrfach erkrankt oder pflegebedürftig sind, wird vom Rat ausführlich debattiert. Eine bessere Koordination der Versorgung und Betreuung, eine höhere Arzneimittelsicherheit sowie Leitlinien, die Mehrfacherkrankungen berücksichtigen, seien erforderlich.
Kinder und Jugendliche
Vernachlässigung sowie physische und psychische Gewalt gegen Kinder stelle nach wie vor ein sehr gravierendes Gesundheitsproblem dar, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen,
Eberhard Wille, bei der Übergabe des aktuellen Gutachtens an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmid (SPD) in Berlin. Die derzeitigen ärztlichen Untersuchungen zur Früherkennung seien kein hinreichend zielgerichtetes Instrument, um Misshandlung oder Vernachlässigung zu bemerken oder zu verhindern.
Ein Fünftel der rund 700.000 jährlich in Deutschland geborenen Kinder wachsen mit erheblichen, vor allem psychosozialen Belastungen auf. Ein wichtiger Grund für gesundheitliche Probleme sei die Kinderarmut. Die Experten plädieren daher unter anderem für Investitionen in möglichst frühe Bildungsangebote.
Bei der Arzneimittelversorgung für Kinder kritisieren die Sachverständigen zudem einen „unbegründet breiten Einsatz“ von Psychostimulanzien sowie von Antibiotika bei Virusinfekten.
Hinzu komme das Problem des Einsatzes unzureichend erprobter Medikamente für Kinder. „Viele Arzneimittel, die im ambulanten Bereich für Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder oder Jugendliche angewendet werden, sind noch nicht spezifisch für diese Altersgruppen untersucht beziehungsweise zugelassen. Die Gutachter kommen zu dem Schluss, dass es dringend erforderlich sei, „die Evidenz für die Arzneimittelanwendung bei Kindern durch klinische Studien zu verbessern, weil nur auf diese Weise Wirksamkeit und Sicherheit der Arzneimitteltherapie für Kinder erhöht werden könne.“
„Psychische und psychosoziale Probleme in Kindheit und Jugend werden häufig nicht in ihrem Krankheitswert erkannt bzw. nicht ausreichend behandelt: Das Ausbleiben adäquater Behandlungsansätze kann zu Chronifizierung und Verminderung von Heilungschancen und einer teilweise erhöhten Inanspruchnahme somatomedizinischer Leistungen führen.“ Erforderlich seien differenzierte Angebote für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche; die regionale Vernetzung zur Koordination und Kooperation der unterschiedlichen Hilfsangebote müsse dabei gewährleistet sein. Es bleibe weiterhin erforderlich, die Determinanten psychischer Störungen sowie die Qualität primärer und sekundärer Präventionskonzepte zu erforschen.
Deutliche Kritik üben die Sachverständigen an der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Die hohen Prävalenzraten stiegen weiter. Bei den therapeutischen Maßnahmen niedergelassener Ärzte stehe die ausschließlich medikamentöse Behandlung an erster Stelle, obwohl multimodale Therapieformen, zu denen Psychotherapie gehört, als Konzept empfohlen werden. Es scheine deutlich schwieriger, eine Psychotherapie für das betroffene Kind zu erhalten als ein Medikament zu verschreiben. Therapieplätze seien z. T. nicht verfügbar oder mit langen Wartezeiten verbunden. Allerdings müssten sich auch Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten so verändern, dass Kinder mit ADHS Möglichkeiten haben, ihren Bewegungsdrang ausleben zu können.
Ältere Menschen
Ferner verweist der Bericht auf die älter werdende Gesellschaft und damit einen wachsenden Anteil chronisch kranker Menschen. Obwohl etwa zwei Drittel der über 65-Jährigen mindestens zwei chronische Erkrankungen habe, gibt es laut Wille kaum Leitlinien. So sei ein Kernproblem bei der Versorgung alter Menschen die unerwünschte Wirkung von Medikamenten. Bei den über 65-Jährigen bekämen 35 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen neun oder mehr Wirkstoffe in Dauertherapie. Wille sprach sich für den Einsatz von Listen mit problematischen Arzneimitteln aus.
Ärztliche Versorgung
Die flächendeckende hausärztliche Versorgung sehen die Experten vor allem in Ostdeutschland gefährdet. Der Sachverständigenrat plädiert für eine Weiterentwicklung der hausärztlichen Versorgung und „eine Neuausrichtung der spezialisierten fachärztlichen Versorgung, die den ineffizienten Wettbewerb zwischen ambulantem und stationärem Sektor korrigiert“. Zwischen Fachärzten und Kliniken sollten die Bezahlung sowie die Genehmigung neuer Behandlungsmethoden vereinheitlicht werden. Verschiedene internationale Ansätze, wie etwa Konzepte zur primärärztlichen Versorgung oder Elemente des Managed Care, sollten geprüft und auf ihre Eignung für das deutsche Gesundheitssystem überprüft werden. Wenig Effizienz, falsche Anreize, ineffektive Konkurrenz – die Wissenschaftler finden deutliche Worte für das heutige Nebeneinander von Medizinern, Kliniken und Apothekern in Deutschland. So kommt es, dass sich ein Patient durchschnittlich 18 Mal im Jahr zu einem Arzt begibt, die Sprechstunden aber um ein Drittel kürzer sind als in anderen EU-Ländern. „Sechs bis sieben Patientenkontakte sind für vergleichbare Länder typisch“, sagte Glaeske. Die vorherrschende Medizin im Minutentakt hat ihre Hauptursache trotz Ärzte-Honorarreform nach Überzeugung der Forscher immer noch in den Bezahlungsregeln. Um die Versorgung aller auch langfristig zu sichern, schlagen die Gutachter unter anderem ein neues Vergütungsmodell vor. Demnach sollen die unterschiedlichen Leistungserbringer in einer Region für ein gemeinsames Budget arbeiten und nicht mehr einzeln honoriert werden. Ministerin Schmidt betonte, das alte sektorale Denken müsse überwunden werden.
Weitere Informationen sowie die Kurz- und Langfassung des Gutachtens finden Sie im Internet unter: www.svr-gesundheit.de
Waltraud Deubert