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Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung  • Aktuell  • Aktuelles  • VPP 2/2009

Von der Lust an der Differenz: die Frauen-AG in der DGVT

30. April 2009

Dies ist die Geschichte der Frauen-AG in der DGVT. Sie begann im Februar 1986, während des DGVT-Kongresses in Berlin. Die Zeit war reif für Frauenarbeit und -politik in Organisationen.

 

Seit 1979 hatte zwar die Deutsche Gesellschaft für Soziologie die Sektion Frauenforschung, aber in den psychosozialen Fachverbänden gab es zu dieser Zeit wenige bzw. keine etablierten Frauengruppen.

Historische Einordnung der Gründung der DGVT-Frauen-AG

Lenz (2008) teilt die Entwicklung der Frauenbewegung(en), die sie lieber im Plural benennt, weil es viele Strömungen gab und gibt, in vier Phasen ein. Die erste Phase der Bewusstwerdung und Artikulation (1968-1975) umfasst nach Lenz folgende Aspekte: die Neue Frauenbewegung formierte sich im Zusammenhang der StudentInnen- und Jugendbewegung nach 1965. Seit 1971 entwickelte sich eine Massenbewegung im Protest gegen den § 218. Die Selbstbestimmung über die eigene Sexualität wurde ein zentrales Thema. Ab 1970 bildeten sich Frauennetzwerke und Frauengruppen, die später dann Frauenzentren gründeten oder den frauenpolitischen Gang in die Institutionen antraten. Basisdemokratie war ein zentrales Anliegen, auch in Abgrenzung zu etablierten Frauenverbänden im landwirtschaftlichen Sektor oder in den Parteien. Den Kern der neuen Bewegungen bildeten kleine Gruppen; Selbsterfahrung und Bewusstseinsbildung waren zentrale Inhalte der Treffen. Es ging darum, die eigene Subjektivität zu verändern, durch „consciousness raising“ nahmen Frauen sich gegenseitig ernst und erkannten sich an. Frauen entwickelten so mit zunehmendem Selbstbewusstsein ihre organisatorischen und politischen Kompetenzen.

Die zweite Phase (1976-1980) war nach Lenz (2008) von Pluralisierung und Konsolidierung gekennzeichnet. Es differenzierten sich Teilbewegungen heraus. Bewegungszeitschriften, Konferenzen und die Sommeruniversitäten für Frauen, die es ab 1976 gab, erschufen eine eigene Semiöffentlichkeit. Neues Wissen und neue Ansätze wurden generiert, z. B. Expertisen zur Mädchensozialisation oder zur Versorgungsarbeit von Frauen. Die internationalen Diskurse um Gewalt im Geschlechterverhältnis und um die Reproduktion entfalteten sich auch in Deutschland. Die Organisationsformen veränderten sich mit der Gründung von Frauenprojekten in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Gewalt (gegen Frauen bzw. der Eröffnung von Frauenhäusern und der Einrichtung von Notrufen) und Frauenkultur. Die Frauenzeitschriften Courage (1976) und Emma (1977) etablierten sich.

Die dritte Phase (1980-1989) war durch Professionalisierung und institutionelle Integration gekennzeichnet. Die Frauenprojekte professionalisierten sich. Das Berufsbild der Gleichstellungsbeauftragten bildete sich heraus. Feministische Studentinnen sorgten nach ihrem abgeschlossenen Studium als Multiplikatorinnen dafür, das Gedankengut der Frauenbewegungen in die verschiedenen Berufsfelder einzubringen und fruchtbar zu machen. Langfristig bildete sich nach Lenz ein ‚samtenes Viereck’ von autonomen Netzwerken, institutionellen Verbänden, Politikerinnen und Wissenschaftlerinnen. Differenzierungen fanden statt und Teilbewegungen setzten sich in Gang. Es entstanden die Migrantinnen- und die Mütterbewegungen mit heftigen intern und extern ausgetragenen Diskussionen. Mütter kritisierten kinderlose Feministinnen als abgehoben und arrogant, afrodeutsche und andere antirassistische Gruppierungen kritisierten den feministischen Mainstream und schufen ihre eigenen Netzwerke, Medien und theoretischen Diskurse.

Die vierte Phase (1989-2000) ist durch Internationalisierung, durch die deutsche Vereinigung und eine Neuorientierung gekennzeichnet. Aus den Frauenfragen wurden Geschlechterfragen. Ab 1995 kam die neue Strategie des Gender Mainstreaming auf, die auch in Deutschland aufgenommen und ausgearbeitet worden ist. Mit ihr wurden nun auch Männer in die Verantwortung für die Durchsetzung der Geschlechtergleichheit einbezogen.

Die Gründungs- und Orientierungszeit

Die Gründung der Arbeitsgemeinschaft „Frauen in der psychosozialen Versorgung“ der DGVT (kurz: DGVT Frauen-AG) fiel in die skizzierte dritte Phase der neuen Frauenbewegung. Die Gründungsfrauen kamen aus der psychosozialen Praxis und der Wissenschaft, etliche waren berufstätig, andere noch Studentinnen, die meisten fühlten sich der Frauenbewegung verbunden oder waren in ihr aktiv. Eine der Gründerinnen war zur selben Zeit Mitglied im Vorstand der DGVT; sie sorgte dafür, dass der Verein von Anfang an in den Prozess einbezogen war. Tatsächlich rannten die Gründungsfrauen bei der DGVT offene Türen ein. Wohl auch darum erhielt die Frauen-AG von Beginn an einen eigenen Etat, aus dem Reisekosten sowie andere kleine Posten für Aktivitäten der Frauen-AG bezahlt werden konnten. Diese enge Einbeziehung des Vorstandes in die Gründungsphase der Frauen-AG war wichtig, um Reibungsverluste gering zu halten. Im Anschluss an die Gründung veranstaltete die Frauen-AG regelmäßige Treffen, auf denen ausgewählte Themen der Frauenbewegungen auf das psychosoziale Arbeits- und Forschungsfeld bezogen wurden. Ein multidisziplinärer Ansatz war selbstverständlich, Zeit zu haben, auch (die Treffen dauerten meist von Freitagabend bis Sonntagmittag).

Die Psychotherapieansätze wurden auf den patriarchalen Bias hin untersucht, also darauf, ob und wie sich in Theoriebildung und praktischen therapeutischen Interventionen eine männliche Sicht widerspiegelte. Die zwei Tagungen zum Thema „Frauen und Therapie“, die die Frauen-AG im Jahre 1987 organisierte, stießen auf große Resonanz. Das war damals kein Wunder, da sich viele DGVT-Mitglieder - mehrheitlich Frauen – lebhaft an den aktuellen Diskussionen beteiligten. Auch bei der Klientel war (und ist) die Mehrheit weiblich. Die praktizierenden und angehenden Therapeutinnen wollten „ihre“ Themen diskutieren, zu denen neben einer großen Neugier auf die neuen (feministischen) Sichtweisen auch ein starkes Unwohlsein mit theoretischen Positionen – zum Beispiel hinsichtlich der Geschlechterrollen in therapeutischen Beziehungen – sowie und vor allem mit manchen therapeutischen Techniken gehörte. Die Diskussionen zeigten eine mangelhafte Passung vieler therapeutischer Konzepte mit dem Frauenleben. Alternative Ansätze wurden nicht nur diskutiert, sondern spielerisch erprobt. Die Teilnehmerinnen dieser Tagungen nahmen viele Anregungen mit; viele von ihnen setzten diese auch praktisch ein und um.

1987 steckte die Frauenforschung noch in ihren Kinderschuhen. Daher wurden Daten, Fakten und Zusammenhänge gebraucht. Die Ausstellung „Frauen in der psychosozialen Versorgung – Zur Situation von Klientinnen und Helferinnen“ wurde als Beitrag für den Gesundheitstag 1987 entwickelt und später zu einer Wanderausstellung ausgebaut. Die Dokumentation belegt exemplarisch für Deutschland und für ihre Zeit, wie und in welchem Umfang Klientinnen und Helferinnen im Gesundheitswesen benachteiligt werden.

Sexuelle Übergriffe

Die Frauen-AG engagierte sich ebenfalls schon im Jahre 1987 für den Diskurs zur Gewalt im Geschlechterverhältnis mit dem Schwerpunkt „sexueller Missbrauch“ in der Familie und in der Therapie. Angeregt durch den Beitrag von Roswitha Burgart auf dem DGVT Kongress 1986 zum Thema „Sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung“, entstand der Plan, dieses für einen Therapieverband originär interessante Thema aufzugreifen. Im Februar 1989 stellte die Frauen-AG der Presse ein Informationsblatt für Klientinnen vor, in dem sie auf diese Problematik hinwies. Die Frauen-AG organisierte 1991 ein Hearing zum Thema mit dem Titel „Sexueller Missbrauch in der Therapie – Kunstfehler oder Kavaliersdelikt?“. Mit dem Hearing unternahm die Frauen-AG den Versuch, namhafte Akteure wie Psychotherapieverbände und Ärztekammer an einen Tisch zu versammeln und für eine gemeinsame kritische Bewertung von sexuellen Übergriffen in therapeutischen Settings (in der Klinik, in der ärztlichen Sprechstunde, in der Psychotherapie) zu werben. Zum Schrecken der Organisationsgruppe stellte sich am Tag des Hearings heraus, dass alle Vorbereitungen für die Veranstaltung abgesagt worden waren. Dafür hatte ein anonymer Anruf gesorgt, der zunächst erfolgreich zu sein schien. Die Organisationsgruppe packte kräftig zu und an, so dass das Hearing erfolgreich und störungsfrei stattfinden konnte. Nun war uns klar, in welcher Liga wir mitspielen wollten.

Für einzelne Frauen-AG Mitstreiterinnen begann mit dem Thema sexuelle Übergriffe in Therapie und Beratung eine schwierige Zeit. Anrufe von Frauen (und Männern) mit einschlägigen Erfahrungen häuften sich. Es gab aber nur wenige Therapeutinnen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt hatten und die betroffenen Frauen angemessene Hilfen sowie Folgetherapien anbieten konnten. Im Vordergrund standen für die Frauen-AG zum einen die Verbesserung der rechtlichen Seite, da nach geltendem Recht die betroffenen Frauen (und Männer) kaum Chancen hatten, sich Gehör zu verschaffen und die übergriffigen Therapeuten (und Therapeutinnen) erfolgreich anzuklagen. Die Frauen-AG ist der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger dankbar, die die Aktivitäten aufgriff und mit der Einführung des § 174 c im Strafgesetzbuch die Rechtslage nachhaltig verbessert hat. Seit 1998 ist die Strafverfolgung von sexuellen Übergriffen in der psychotherapeutischen Beratung und Therapie vergleichsweise gut geregelt. Allerdings hat das Gesetz nicht alle Erwartungen erfüllt, die mit seiner Einführung verbunden waren. Die heutige Rechtssprechung entspricht nicht der damaligen Diskussion. So betonten alte Kommentare, dass das Abstinenzgebot auch nach Beendigung der Therapie noch gelten soll. Aber da es nicht im Gesetz steht, wird ein Verfahren niedergeschlagen, wenn der Therapeut die Therapie vor Beginn der Beziehung beendet.

Auch die Urteile im Rahmen der zivilen Gerichtsbarkeit, die sich z.B. auf Schadensersatz und Schmerzensgeld beziehen können, lassen sich leider unterlaufen. Noch immer gelingt es Tätern und Täterinnen, sich den Schadensersatzforderungen ihrer Opfer zu entziehen. Die gängige Praxis besteht darin, dass sich die Beschuldigten für mittellos erklären und das auch nachweisen können. So gelingt es ihnen, den geschädigten Frauen und Männern keinen Cent zu zahlen.

Zum anderen war dringend eine bessere Versorgung der Geschädigten und eine bessere Information zur Versorgung für die Geschädigten notwendig, die sowohl konkrete Unterstützung nachfragten, als auch langfristig angelegte Behandlungen. Die Frauen-AG hat sich mehrfach um die Einrichtung einer Clearingstelle bemüht. Später plante ein Zusammenschluss von Verbänden eine Clearingstelle für PatientInnen und TherapeutInnen. Leider waren die Anträge auf Finanzierung einer solchen Stelle nicht erfolgreich.

Eine Erfolgsgeschichte wurde jedoch das Bestreben, Psychotherapie- und Beratungsverbände aller therapeutischen Schulen an einen Tisch zu bringen und mit ihnen allen das Thema „sexueller Missbrauch in Beratung und Therapie“ zu diskutieren sowie sich über Maßnahmen im Umgang mit Tätern und Opfern in den Verbänden auszutauschen. Aus diesem Anliegen entstand im Anschluss an das öffentliche Hearing 1991 das Verbändetreffen, wie der Zusammenschluss der Fachleute schlicht genannt wurde, das bis heute besteht und seit letztem Jahr als „Verbändetreffen gegen Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und Beratung“ firmiert, dem 16 Mitgliedsverbände angehören ( www.verbaendetreffen.de). Mittlerweile haben alle Verbände Ethikrichtlinien formuliert und Vorgehensweisen bei Meldungen von sexuellem Missbrauch festgelegt; sie thematisieren einschlägige Probleme von Grenzverletzungen und des Übergriffes in ihren Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Irmgard Vogt und Eva Arnold verfassten 1993 ein Übungsbuch zum Thema, mit dem in der Aus-, Fort- und Weiterbildung gearbeitet werden kann.

Der Quotierungsbeschluss

Einige Jahre lang führte die Frauen-AG ein sehr reges Eigenleben im DGVT-Verband. Anfangs in kurzen Abständen, später dann etwas seltener wurden bisher insgesamt 17 Fachtagungen und Wochenendveranstaltungen organisiert und durchgeführt. Die Frauen-AG griff Themen der Frauenbewegung auf, es ging um selbstbestimmte Sexualität, um therapeutische Ethik, um das Arbeiten in Netzwerken und später auch um Gender Mainstreaming im Gesundheitsbereich.

Daneben hat sich die Frauen-AG zu verschiedenen Themen auf den Kongressen und Workshoptagungen der DGVT zu Wort gemeldet. Es wurde in der damals noch täglich während eines Kongresses erscheinenden Kongresszeitung jedes Mal gemeldet, wie viele ReferentInnen und ModeratorInnen männlichen und weiblichen Geschlechts waren, was zu einer Sensibilisierung für diese Problematik im gesamten Verband führte. Es zeigte sich, dass die Anzahl der Männer als Redner und Moderatoren die der Frauen bei weitem überstieg. Die Frauen-AG monierte das wiederholt und forderte den Vorstand der DGVT auf, Frauen als Hauptrednerinnen einzuladen. Das funktionierte nicht. Die Vorschläge der Frauen-AG kamen angeblich immer zu spät oder die genannten Frauen sagten ab. Also musste immer wieder ein Mann als Hauptredner eingeladen werden. Über dieses Dilemma beriet die Frauen-AG auf einem ihrer Kongressvorbereitungstreffen. Der Frust über die mangelnden Erfolge bei der Programmgestaltung im Verband war spürbar.

Rein spielerisch formulierte die Frauen-AG dann folgenden Antrag für die Mitgliederversammlung am 21.2.1990, mit dem das Dilemma verdeutlicht werden sollte: „Die MV möge beschließen, dass auf den nächsten 13 überregionalen Großveranstaltungen der DGVT (Kongress, überregionale Workshoptagung u. ä.) jeweils eine Frau den Eröffnungsvortrag hält. Begründung: Bisher haben ausschließlich Männer Festvorträge auf Großveranstaltungen der DGVT gehalten. Angesichts der zahlenmäßigen Verteilung von Frauen und Männern in der psychosozialen Versorgung und der unzweifelhaften Qualifikation von Frauen in diesem Bereich ist es notwendig, Zeichen zusetzen.“ Warum 13 ? Seit dreizehn Jahren veranstaltet die DGVT Großveranstaltungen (mit) und immer sind die Einführungs-, Eröffnungs- oder Festvorträge von Männern gehalten worden. Diese Vorträge stellen jeweils auch ein Abbild des gesundheitspolitisch relevanten Themenschwerpunktes dar und sollen diesen in besonderer Weise beleuchten und vertiefen. Nach der dreizehn Jahre währenden Präsentation aller möglichen Themen von Männern, in der sie ihre Sicht der Dinge explizieren konnten, sollten jetzt 13 Jahre folgen, in denen die Frauen die Chance haben sollten, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Wenn nach 13 Jahren dann der Gleichstand erreicht ist, kann man/frau sich neue Regelungen überlegen.

Die Diskussionen um diesen Antrag auf der Mitgliederversammlung waren hitzig, nicht nur Frauen unterstützten den Antrag. Einige argumentierten grundsätzlich und meinten z.B., dass vielleicht die Form von Vorträgen gar nicht mehr zeitgemäß sei. Vielleicht sollte man stattdessen ab jetzt ein Theaterstück oder andere Kulturformen an die Eröffnung eines Kongresses stellen. Wollte die Frauen-AG mit diesem Antrag nur das Dilemma auf den Punkt bringen, so waren wir alle doch einigermaßen überrascht, dass der Antrag eine Mehrheit fand und verabschiedet wurde. Die 13 Jahre sind nun vorbei; in dieser Zeit haben viele, aber nicht nur Frauen die DGVT-Kongresse mit ihren Vorträgen eröffnet, sondern auch Männer. Es hat sich mittlerweile durchgesetzt, dass sich Männer und Frauen bei Großereignissen bei der Eröffnung und bei wichtigen Vorträgen abwechseln.

Diversität

1989 organisierte die DGVT Frauen-AG mit einer Reihe weiterer Gruppen die überregionale Fachtagung „Frauen und Rassismus“. Es war eine der ersten Tagungen, die sich mit der Rolle von Frauen im Nationalsozialismus und im Kolonialismus befassten. Afrodeutsche und Gruppen schwarzer Frauen waren engagiert bei der Fachtagung und hielten den weißen Frauen den Spiegel vor. Es war eine denkwürdige Tagung, die Spuren hinterließ. Frauen, die an der Tagung maßgeblich inhaltlich beteiligt waren, arbeiteten danach in der AG gegen Rassismus der DGVT weiter und verfolgten in diesem Rahmen die Antirassismusarbeit.

Helga Bilden hat auf dem Frauen-AG Treffen beim Kongress 2008 die Frage gestellt, ob sich die Frauenfrage für die DGVT überlebt habe und ob es nicht immer wieder neue Fragen nach dem Geschlecht und zu den Geschlechterbeziehungen gebe. Sie verwies auf die Intersektionalität: Geschlecht verbindet sich mit kultureller Zugehörigkeit, mit sozialer Lage, mit Alter, mit (Nicht-) Behinderung, „also mit Differenzkategorien, die auch Privilegierung und Benachteiligung, Dominanz und Unterordnung bedeuten“ (Bilden, 2008, S. 177). Die Überlegung, die Frauen-AG umzuorientieren hin auf Intersektionalität, fand bisher keine Mehrheit. Die Diskussion darum wird weitergehen.

Das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit

Da die Frauen-AG in der DGVT eine der ersten Gruppen in einem psychosozialen Fachverband war, die Frauenarbeit innerverbandlich etabliert hat, wurde sie um Rat gefragt, wie dies in einer Verbandsstruktur am besten gelänge. Zu diesem Zweck fanden mehrere Treffen von engagierten Frauen aus Verbänden, die im Gesundheitsbereich aktiv waren, mit Mitgliedern der Frauen-AG statt. Diese Treffen entwickelten sich zu Erfahrungsaustausch- und Koordinierungstreffen, die alle für sehr fruchtbar und wertvoll hielten. Daraus entstand schließlich und unter Einbeziehung anderer Akteursgruppen das Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit. Heute besteht das Nationale Netzwerk aus 18 Organisationen, die im Bereich Frauen- und Mädchengesundheit bundes- oder landesweit aktiv sind. Stand in den ersten Jahren die Etablierung der Frauenarbeit innerhalb der Verbände im Vordergrund, so macht das Nationale Netzwerk seit längerer Zeit verstärkt Lobbyarbeit für Frauengesundheit, ist also zusätzlich stark nach außen orientiert.

So haben die Stellungnahmen des Nationalen Netzwerkes dazu geführt, den ersten großen Frauengesundheitsbericht für Deutschland auf den Weg zu bringen, die Reha-Forschungsverbünde auf Gendersensibilität zu verpflichten usw. In jüngster Zeit hat das Nationale Netzwerk Materialien zur informierten Entscheidung zu den Themen Mammografiescreening und Gebärmutterhalskrebsfrüherkennung und HPV-Impfung entwickelt, die allgemein gelobt und von sehr vielen Verbänden verbreitet werden.

Die Situation heute

Die alte Frauen-AG in der DGVT hatte ihre sehr aktive Zeit in den 1990er Jahren. Sie veränderte sich ebenfalls mit den Jahren, was sich u.a. daran ablesen lässt, dass sie 1999 ihren mehrfach im Jahr erscheinenden Rundbrief einstellte. Auch sonst kamen die Aktivitäten für einige Zeit zu einer Art Stillstand. Auf dem 25. Kongress der DGVT für „Klinische Psychologie, Psychotherapie und Beratung“ in Berlin im Jahre 2008 – dem 40jährigen Bestehen des Vereins – wurde ein Neuanfang gewagt. Es versammelte sich eine kleine aber feine Gruppe von interessierten Frauen, die allesamt DGVT-Mitglieder sind, die sich wieder für die Frauenbelange im Verband einsetzen. Als erste Aktion wurde an den Ausbildungsverbund der DGVT ein Antrag auf verstärkte Gendersensibilisierung der Ausbildungsinhalte gestellt. Darüber ist die Frauen-AG in einen konstruktiven Dialog mit dem Ausbildungsverbund und der Aus- und Weiterbildungskommission getreten, der uns hoffnungsvoll in die verbandliche Zukunft schauen lässt.

Literatur:

Bilden, Helga (2008): Gender- und differenzsensitive Psychotherapie. Zwischen Differenz und Dekonstruktion. In: Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 40. Jg., 1, S. 173-183.

Lenz, Ilse (2008): Die unendliche Geschichte? Zur Entwicklung und den Transformationen der Neuen Frauenbewegungen in Deutschland. In: Ilse Lenz (Hrsg.): Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, S. 21-44.

Vogt, Irmgard & Eva Arnold (1993): Sexuelle Übergriffe in der Therapie. Anleitungen zur Selbsterfahrung und zum Selbstmanagement. DGVT Verlag, Tübingen.

Ute Sonntag, Irmgard Vogt, Monika Bormann