Wir waren das Volk … oder Schöne neue Welt? [1]
Eines der Essentials sozialer Psychiatrie ist, dass sie sich mit den Orten auseinandersetzen muss, an denen Psychiatrie stattfindet. Der Gemeindebezug oder – wie es im stärker sozialpädagogisch geprägten Diskurs heißt – die Sozialraumorientierung ist ein wesentlicher Ansatzpunkt sozialpsychiatrischen Handelns.
Die Orte, an denen wir leben und arbeiten, prägen unsere Identität. Sie prägen auch die Identität sozialpsychiatrischer Projekte.
Die Entwicklung der Psychiatrie in Leipzig ist in mancherlei Hinsicht modellhaft für die Psychiatrie in Deutschland. Heute ist die Situation der psychiatrischen Versorgung hier einerseits besser als anderswo, in anderer Hinsicht aber typisch für den gegenwärtigen Stand der Psychiatrie in Deutschland.
Ich lebe seit mehr als zwanzig Jahren in Leipzig, arbeite als Supervisorin gegenwärtig vorwiegend im Bereich der Psychiatrie und unterrichte als Professorin in Zwickau im Studiengang Pflege- und Gesundheitsmanagement. Einer meiner Lehr- und Forschungsschwerpunkte ist das psychiatrische Versorgungssystem. Ich habe also eher den Blick einer Außenstehenden auf die Psychiatrie, allerdings den einer Außenstehenden, die sich mit vielen Projekten und den darin tätigen Menschen sehr verbunden fühlt und deren Entwicklung über einen längeren Zeitraum begleitet hat. Verbunden fühle ich mich auch mit Menschen, welche die Psychiatrie als Betroffene kennen gelernt haben und von denen ich am meisten über die Psychiatrie gelernt habe.
Traditionen I – Frühe Institutionalisierung und Professionalisierung
Psychiatrie in Leipzig hat eine lange Tradition. Schon im Mittelalter gab es das damals noch außerhalb der Stadtgrenze gelegene Hospital St. Georgen, in dem auch verwirrte und psychisch auffällige Personen aufgenommen wurden. 1701 wurde es am Brühl wieder eröffnet, damals eine trutzige Burg, in der neben Kranken und Armen auch Waisen und „Zuchthäusler“ eingeschlossen wurden. „Wenn man mit jemand nicht wusste, wohin, dann musste St. Georg herhalten.“ 1839 gründete Eduard Wilhelm Güntz am Rande von Leipzig eine Private Irren-, Heil- und Pflegeanstalt, die vor allem psychisch Kranke aus den bessergestellten Kreisen betreuen und durch Natur, Ruhe, Zerstreuung und intensive Zuwendung heilen wollte. 1876 wurde im Nordwesten Leipzigs die Provinzial-Irrenanstalt Altscherbitz eröffnet, auch eine Art Modellprojekt, in der vor allem die Verbindung mit den so genannten agricolaren Kolonien, sprich die landwirtschaftliche Betätigung der Patienten, deren Heilungsprozess unterstützen sollte. 1882 eröffnete die Psychiatrische und Nervenklinik der Universität, 1892 das Zwangsarbeiterhaus St. Georg, 1901 die Heilanstalt Dösen im Südosten von Leipzig. Bis auf die Güntz’sche Anstalt bestehen alle diese psychiatrischen Institutionen nach wie vor bzw. existieren andere psychiatrische Institutionen an diesen Standorten. Es gibt also Kontinuitäten psychiatrischer Versorgung trotz Psychiatriereform und Enthospitalisierung.
Die Entwicklung der Psychiatrie als Wissenschaft wurde 1811 durch die Einrichtung des ersten deutschen Lehrstuhls für Psychiatrie an der Universität Leipzig eingeleitet (Johann Christian August Heinroth) und 1876 das erste psychologische Laboratorium von Wilhelm Wundt gegründet. Paul Flechsig, Ernst Kraepelin und Paul Möbius haben hier in Leipzig gearbeitet. Auch unter den Patienten finden sich einige „Prominente“: Am bekanntesten ist sicher der Fall des Perückenmachers Johann Christian Woyzeck, der 1821 eine Witwe erstach, und am 27. August 1824 auf dem Leipziger Marktplatz öffentlich hingerichtet wurde, nachdem ein mehrjähriger Gutachterstreit über seine Zurechnungsfähigkeit entbrannt war. Aus heutiger Sicht wäre er wohl ein Fall für den Maßregelvollzug, da er im Vorfeld der Tat verwirrt schien und offensichtlich Stimmen hörte.
Bekannt geworden ist auch der Patient Daniel Paul Schreber durch seine „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903), die von Freud später als Beleg für seine Theorie der Psychosen herangezogen wurden.
Traditionen II – Psychiatrie im Nationalsozialismus
Psychiatrie in Leipzig hat freilich auch andere Traditionen. Hier erschien 1920 die Denkschrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, verfasst von dem Juristen Karl Binding, vierzig Jahre lang Hochschullehrer und zeitweise Rektor an der Leipziger Universität und (nach wie vor) Ehrenbürger Leipzigs, und dem Psychiater Alfred Hoche, die als ideologische Grundlegung der NS-„Euthanasie“ zu betrachten ist. Einer, der sich nach dem Krieg darauf berief, war Professor Werner Catel, der als Chef der Leipziger Universitätskinderklinik im Sommer 1939 auf Bitten der Eltern und nach Absprache mit dem Leibarzt des „Führers“ das Kind K. als wahrscheinlich erstes Opfer der Nazi-„Euthanasie“ mit einer erhöhten Luminal-Dosis tötete.
Auch Hermann Paul Nitsche hatte die Schrift von Binding und Hoche gelesen. Nitsche war in den 1920er-Jahren Reformpsychiater und vertrat sehr fortschrittliche Einstellungen im Umgang mit psychisch Kranken. Als Chefarzt in Leipzig-Dösen führte er 1939 die ersten Luminal-Experimente durch, in deren Folge zwischen 60 und 100 Patienten verstarben. Ab 1941 arbeitete er als medizinischer Leiter und Obergutachter der Nazimordaktion ‚T4’. Auch nach dem offiziellen Ende der „Euthanasie“ verstarben in Leipzig-Dösen vermutlich zwischen 1000 und 1500 „niedergeführte“ Patienten an Unterernährung und Übermedikation. Bei Kriegsende lebten nur noch etwa 200 Patienten in der Heilanstalt, die für die Aufrechterhaltung des Betriebes notwendig gewesen waren. Hermann Paul Nitsche wurde 1947 im Dresdner Ärzteprozess verurteilt und 1948 hingerichtet. Werner Catel wurde einige Zeit nach dem Krieg wieder Professor für Kinderheilkunde an der Kieler Universität und galt bis zu seiner Emeritierung als angesehener Hochschullehrer.
Auf den Leipziger Friedhöfen sind erst in den letzten Jahren die Plätze identifiziert worden, wo Leipziger „Euthanasie“-Opfer – meist anonym – bestattet wurden. Auch das ist Geschichte der Psychiatrie in Leipzig.
Traditionen III - Psychiatrie in der DDR
Nach dem Ende des Nationalsozialismus war also auch in der Psychiatrie ein neuer Anfang notwendig. Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten wurde die Auseinandersetzung mit dem Faschismus schnell zu den Akten gelegt bzw. auf das jeweilig andere System projiziert. Man hatte ja andere Sorgen – die Nahrungsmittelbeschaffung, den Wiederaufbau –, und man war auf das alte Personal angewiesen. Es war aber inzwischen auch eine neue Generation herangewachsen, junge Ärzte, die den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, ein anderes Bildungsideal mitbrachten, sich mit dem Sozialismus identifizierten, sich an modernen und liberalen Psychiatriekonzepten aus England und Amerika orientierten und in engem Austausch mit fortschrittlichen Psychiatern aus der Bundesrepublik standen. Mitte der 1960er-Jahre waren sie so weit etabliert und selbstbewusst genug, um die Psychiatriereform in der DDR voranzutreiben. Unter der Leitung von Professor Klaus Weise wurden 1966 die Gitter in der Universitätspsychiatrie abmontiert, bereits 1963 wurde angefangen, die Geschlechtertrennung aufzuheben und das Open-Door-System eingeführt; neue Behandlungskonzepte, therapeutische Gemeinschaft und Mitbestimmung der Patienten im Patientenrat brachten im wahrsten Sinn des Wortes frischen Wind in die Psychiatrie. Die Rodewischer Thesen hatten 1963 die theoretischen Leitlinien des Reformprozesses formuliert: eine rehabilitative Ausrichtung und damit einhergehend therapeutischer Optimismus, die Integration in Arbeit und die Teilhabe an Kultur.
Während die Universitätspsychiatrie in Leipzig ein Vorreiter der Psychiatriereform wurde, blieb in dem auf demselben Gelände befindlichen Bezirkskrankenhaus noch längere Zeit alles beim Alten. Insbesondere die Langzeitbereiche der Großkrankenhäuser funktionierten bis weit in die 1980er-Jahre nach den alten Anstaltsregeln. Auch in Hinblick auf die ambulante Versorgung wurde die Psychiatrie Leipzig zum Vorreiter. Seit Beginn der 1970er-Jahre gingen ein Teil der bei Klaus Weise ausgebildeten und hoch motivierten Ärztinnen und Ärzte in die neuropsychiatrischen Abteilungen an den Stadtbezirkspolikliniken und bildeten dort gemeinsam mit Fürsorgern, Psychologen und Pflegekräften sozialpsychiatrische Teams, bauten Tageskliniken auf, entwickelten gruppen- und gesprächstherapeutische Angebote.
1976 beteiligte sich die Leipziger Universitätsklinik als erste Klinik in der DDR an der sektorisierten Versorgung. Es gab einen engen Austausch zwischen stationärem und ambulantem Bereich, gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen und eine immer offenere Diskussion, auch um die gesellschaftlichen Ursachen psychischer Erkrankungen. Westdeutsche Psychiatriereformer wie Erich Wulff, Heiner Keupp, Klaus Dörner wurden nach Leipzig eingeladen. 1980 wurde das Leipziger Versorgungssystem zum Modell für die Psychiatrieplanung in der DDR erklärt.
Traditionen IV - Psychiatrie in der Wende
Seit Mitte der 1980er-Jahre, beeinflusst durch die Entwicklung in der Sowjetunion, formierte sich der Protest gegen erstarrte Verhältnisse auch in anderen Sphären der Gesellschaft. Im Sommer 1989 kam der Prozess ins Rollen: Ab September 1989 begannen die öffentlichen Montagsdemonstrationen an der Nikolaikirche. Waren es anfangs nur einige hundert Demonstranten, kamen in wenigen Wochen tausende hinzu, die ihre Unzufriedenheit mit dem politischen System öffentlich artikulierten. Am 9. Oktober zogen 70000 Menschen um den Leipziger Ring, sangen die Internationale und riefen: „Wir sind das Volk!“ Die Demonstrationszahlen wuchsen weiter, am 4. November in Berlin waren es eine halbe Million Menschen. In der Nacht vom 9. zum 10. November wurde in Berlin die Mauer geöffnet. Damit war nicht nur ein Ziel der Bürgerbewegung erreicht, sondern gleichzeitig der Anfang vom Ende der DDR eingeläutet. Die mit dem Begrüßungsgeld, Bananen und Videorekordern leicht zu begeisternden DDR-Bürger wählten drei Monate später nicht etwa das Neue Forum, sondern die deutsche Einheit. Der Ton und das Publikum auf den Demonstrationen änderten sich rasch. „Wir sind ein Volk!“ Statt: „Wir sind das Volk!“ Andere riefen: „Kommt die D-Mark, bleiben wir hier, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!“
Und die Psychiatrie? Zunächst einmal: Die Entgrenzung des Landes führte zur Entgrenzung der Menschen. „Wahnsinn“ war der allgemeine Ausdruck für die Nacht der Maueröffnung. Patienten ließen sich von einem Tag auf den anderen entlassen. Einer erzählte uns, er wäre zwar manisch gewesen, aber das wäre damals überhaupt nicht aufgefallen, da ja alle irgendwie manisch waren. Beim Neuen Forum in Leipzig wurde noch im November 1989 ein psychologischer Krisendienst eingerichtet, weil dort täglich Menschen dort anliefen, die unglaubliche Geschichten über Stasi-Verfolgung, Amtsmissbrauch, Missstände in der Wirtschaft und Ähnliches erzählten. Als im Dezember die Stasi-Zentralen besetzt wurden, fanden sich nicht nur riesige, teilweise schon geschredderte Aktenberge, sondern eine Spitzel-Ausrüstung, die jede paranoide Fantasie übertraf.
Es gab aber auch einen Aufbruch in der Psychiatrie. Betroffene und ehemalige Patienten organisierten im Frühjahr 1990 öffentliche Hearings und konfrontierten die Psychiater mit ihren Behandlungserfahrungen. Ein möglicher politischer Missbrauch der Psychiatrie wurde zum öffentlichen Diskussionsthema, der sich aus heutiger Sicht aber (anders als in der Sowjetunion) nicht nachweisen lässt (siehe auch Sonja Schröter). Es landeten aber etliche Menschen in der DDR-Psychiatrie, weil sie sich nicht an die gesellschaftlichen Normen anpassen wollten oder konnten.
Die Aufbruchstimmung in der Wende erfasste auch die Mitarbeiter in der Psychiatrie, jedenfalls die, die seit langer Zeit mit den Bedingungen therapeutischer Arbeit unzufrieden waren. Mitarbeiter der Wohnetage in Leipzig-Dösen gründeten am 10. Februar 1990 den Verein zur Wiedereingliederung psychosozial geschädigter Menschen Leipzig e.V., der im Vereinsregister von Leipzig die Nummer drei erhielt. Es folgten weitere Vereinsgründungen, so Das Boot e.V. als erste Begegnungsstätte für psychisch Kranke und wenig später der Durchblick e.V. als Psychiatriebetroffeneninitiative. Am 18. August 1990 fand der Tag der Sozialpsychiatrie mitten auf dem Leipziger Marktplatz statt. In der Alten Handelsbörse diskutierte Klaus Dörner mit Betroffenen.
Zwischen 1990 und 1992 sind in Leipzig insgesamt zirka 200 psychosoziale Projekte, Kulturvereine und Beratungsstellen entstanden, eine Explosion an Kreativität, aus dem Wunsch nach Selbstbestimmung heraus, aber auch als Reaktion auf Problemlagen, welche die alten Institutionen nicht oder nur unzureichend bearbeitet hatten. Andere Vereine bearbeiteten die Probleme, die im Zuge der Wende neu entstanden waren: Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Verschuldung, Drogen, Mieterschutz, Aids hatten in der DDR so gut wie keine Rolle gespielt.
Die neuen Vereine schrieben Konzepte, suchten Immobilien beantragten Gelder (und bekamen sie auch), stellten Mitarbeiter ein und begannen zu arbeiten. Es war eine zutiefst anarchische Zeit, in der die alten Regeln außer Kraft gesetzt, die alten Eliten abgesetzt oder verunsichert waren, neue Regeln noch nicht galten, unkonventionelles Herangehen meistens zum Erfolg führte und ein unglaublicher Handlungsspielraum bestand. Alles schien möglich. Vieles war es auch. Das lockte natürlich auch etliche Goldgräber aus dem Westen hierher. Neben Gebrauchtwagenverkäufern und Immobilienhaien kamen Menschen, denen die Räume in der alten Bundesrepublik zu eng geworden waren, die das Gefühl hatten, hier im Osten etwas aufbauen und in die Gänge bringen zu können. Einige dieser „Abenteurer“ und „Unterstützer“, wie z.B. Dieter Thamm (Bank für Sozialwirtschaft) oder Christian Frey (Psychiatriereferent im Sozialministerium), waren ausgesprochen hilfreich für die hiesige Psychiatrie-Szene.
Den ostdeutschen Kommunen wurden damals nicht nur überdimensionierte Abwasseranlagen verkauft, sondern auch etliche falsche Konzepte. Leipzig hatte das Glück oder eben Verstand genug, im Bereich der psychiatrischen Versorgung einige der DDR-Errungenschaften über die Wende zu retten. Wenn auch das Prinzip der Polikliniken erst einmal diskreditiert wurde (auf Druck der Kassenärztlichen Vereinigung, um Platz für Niederlassungen zu schaffen), gelang es dennoch, die neuropsychiatrischen Abteilungen im Modellverbund Gemeindenahe Psychiatrie und damit die ambulante psychiatrische Versorgung in den Stadtbezirken zu erhalten.
Wirtschaftlich ging es in Leipzig rapide bergab, viele der maroden Großbetriebe waren unter westdeutschen Bedingungen nicht wettbewerbsfähig, den Rest ruinierte die Treuhandpolitik. Viele psychiatrische Patienten, die bis zur Wende beruflich integriert waren, verloren ihre Arbeitsplätze und damit auch eine Basis für Selbstwert, Tagesstruktur und Zugehörigkeit.
Trotzdem erinnern alle Beteiligten diese Zeit nicht nur als eine, in der neue Ideen mit viel Energie relativ spontan und unbürokratisch realisierbar waren, sondern auch als eine, in der die Psychiatrie und deren Reform – ähnlich wie 1968 in der Bundesrepublik – mit im Zentrum gesellschaftlicher Diskussion und Erneuerung stand.
Allzu lange dauert Anarchie in Deutschland natürlich nicht an, die CDU arbeitete an der von der Mehrheit der DDR-Bürger gewünschten schnellen Wirtschafts- und Währungsunion, am 1. Juli 1990 wurden die Konten umgestellt (und halbiert), nach der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 galten bundesdeutsche Gesetze auch in den neuen Bundesländern. Auch die Anarchie im Bereich der psychiatrischen Versorgung nahm schnell wieder ab, zu den neu entstandenen freien Trägern gesellten sich etablierte Träger der freien Wohlfahrtspflege, die über andere Ressourcen und den Rückhalt der großen Wohlfahrtsverbände verfügten. Die in und unmittelbar nach der Wende gut funktionierende Vernetzung und Kooperation der Akteure nahm ab, es wurden Claims gegenüber anderen Anbietern abgesteckt und versucht, ökonomische Sicherheit durch Regelfinanzierungen zu erlangen.
1993 wurde der Erste Sächsische Landespsychiatrieplan geschrieben, das kann man als Ende der anarchischen Übergangsphase begreifen und als Beginn einer Phase der Re- Institutionalisierung. In der Folge flossen erhebliche Mittel in die Verbesserung der Lebensbedingungen psychisch Kranker, in Enthospitalisierung und den Bettenabbau in Großkliniken, aber auch in den Ausbau der psychiatrischen Behandlung an Allgemeinkrankenhäusern und nicht zuletzt in die ambulante und komplementäre Versorgung. Die Regelfinanzierung des Leipziger Verbundes Gemeindenahe Psychiatrie konnte gesichert werden, auch die freien Träger bekamen Versorgungsaufträge im Sektor, die mit einer Regelfinanzierung einhergingen. Im Zuge der allmählichen Festigung und Absicherung fehlten allerdings auch zunehmend Anreize zur inhaltlichen Erneuerung. Während zahlreiche Plätze in sozialtherapeutischen Wohnstätten und vor allem im betreuten Einzelwohnen neu entstanden, Beratungs- und Freizeitangebote ausreichend zur Verfügung stehen, scheiterten in den 1990er-Jahren in Leipzig alle etwas unkonventionelleren Projekte im Bereich Arbeit. Der Verein zur Wiedereingliederung betrieb anfangs fünf verschiedene Arbeitsprojekte, die inzwischen alle in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen (WfB) aufgegangen sind. Der ‚Durchblick’ versuchte sich an sehr ambitionierten Integrationsfirmen, die alle nicht dauerhaft existenzfähig waren. Übrig geblieben sind neben Werkstattplätzen einige wenige, schlecht bezahlte Zuverdienstarbeitsplätze.
… und heute? – Die schöne neue Welt psychiatrischer Institutionen
Wenn Sie sich in den Leipziger psychiatrischen Institutionen umsehen, finden Sie auf den ersten Blick die „blühenden Landschaften“, die uns der damalige Bundeskanzler versprochen hatte. Das einst schon durch seinen Namen stigmatisierende Fachkrankenhaus Dösen wurde in Park-Krankenhaus umgetauft. Es ist in die Trägerschaft der Rhön AG übergegangen und hat ein neu gebautes, eher an ein Wellness-Hotel als an eine Psychiatrie erinnerndes Gebäude bezogen. Die 175 Betten sind meistens belegt.
Genauso viele Betten hat das Psychiatrische Fachkrankenhaus Altscherbitz, auf dessen Gelände inzwischen nicht nur ein Allgemeinkrankenhaus existiert, sondern auch ein Maßregelvollzug neu gebaut wurde. Auch in Altscherbitz sind die Gebäude saniert und nach heutigen Standards gut ausgestattet.
Die Universitätsnervenklinik ist mit ihrer Tagesklinik und den drei spezialisierten Institutsambulanzen erst Anfang 2008 in ein saniertes Gebäude umgezogen. Auch hier sind erhebliche Mittel investiert worden. An die Klinik sind auch das Archiv für Psychiatriegeschichte und der Antistigma-Verein ‚Irrsinnig menschlich’ angebunden, der eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit macht.
Der Verbund Gemeindenahe Psychiatrie wird heute vom Städtischen Krankenhaus St. Georg getragen. Der Verein zur Wiedereingliederung hat es unter Einsatz erheblicher Förder- und Stiftungsmittel geschafft, den Gutshof Stötteritz zu sanieren. Das Wohnheim für psychisch Kranke ist heute im ehemaligen Herrenhaus untergebracht, der Verein betreibt eine WfB und zwei Begegnungsstätten. Auch Das Boot e.V. hat inzwischen zwei Standorte mit Begegnungsstätte, Kontakt- und Beratungsstelle und ambulant betreutem Wohnen. Das Trägerwerk Soziale Dienste versorgt mit der ehemaligen Plattenbausiedlung Grünau einen der in sozialer Hinsicht schwierigsten Bereiche von Leipzig. Auch die Diakonie bzw. Innere Mission hat als Träger einer Begegnungsstätte gehäuft mit sozialen Problemlagen zu tun und hat in ihren Werkstätten Arbeitsmöglichkeiten für psychisch behinderte Menschen geschaffen.
Nicht zuletzt bietet der Leipziger Angehörigenverein Wege e.V. nicht nur ein Beratungs- und Kontaktangebot für Angehörige psychisch Kranker, sondern auch ein spezialisiertes Wohnangebot für junge Schizophrene, die sich aus ihren Familien ablösen wollen (Haus Chiron), und eine Beratungsstelle (Auryn) für Kinder psychisch kranker Eltern.
Nur der Durchblick e.V., der sich als Betroffeneninitiative definiert, hat es bisher noch nicht geschafft, sein genauso schönes Haus, das nach fünfzehnjähriger Nutzung an allen Ecken und Enden bröckelt, zu sanieren. Im Garten, in der Galerie, in der Kunstgruppe, manchmal im Nachtcafé und im an das Haus angeschlossenen Sächsischen Psychiatriemuseum bekommt man einen authentischen Eindruck vom Flair der Wendejahre.
Die Vereine arbeiten im Gemeindepsychiatrischen Verbund bzw. im Rahmen Psychosozialer Arbeitsgemeinschaften mit den stationären Einrichtungen und mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst zusammen. Aufgrund der wachsenden Zahl betreuungsbedürftiger alter und dementer Menschen gibt es inzwischen vier sektorisierte geriatrisch- gerontopsychiatrische Verbünde und ein Modellprojekt zur Pflegevernetzung. Der dem Beigeordneten für Gesundheit zugeordnete Psychiatriekoordinator sichert nicht nur die kommunalen Ressourcen für die Projekte, sondern vernetzt vielfältig, befördert den Austausch zwischen Einrichtungen und Projekten und gibt Impulse für übergreifende Aktivitäten wie die Psychoseseminare.
Investitionen in Gebäude oder in Menschen?
Welches Bild entsteht bei Ihnen über die Leipziger Psychiatrielandschaft? Reichtum und Vielfalt? Wo würden Sie als Betroffener zuerst hingehen? Natürlich haben Sie recht: Das lässt sich so nicht beurteilen. Da muss man schon einen Blick hinter die Fassaden werfen. Da müsste man die Mitarbeiter kennen lernen, die diese Arbeit tragen. In Leipzig sind es insgesamt mehr als 1000 Menschen, die im Bereich der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung arbeiten und in den meisten Fällen mit sehr viel Engagement an ihre Arbeit gehen. Aber man hört mitunter auch anderes. Hinter mancher schönen neuen Fassade wird gelegentlich eine alte Form von Umgang mit Betroffenen gepflegt, werden Betroffene auch entmündigt, verwaltet oder wenigstens – wie es Heiner Keupp genannt hat – „fürsorglich belagert“.
In manchen Einrichtungen entsteht – zumindest zeitweise – bei Betroffenen der Eindruck, dass sich die ökonomische Logik, die das Gesundheitswesen zunehmend durchdringt, durchgesetzt hat und nur noch „Leistungen“ erbracht werden, die auch „refinanziert“ werden, unabhängig davon, was die Betroffenen wirklich brauchen. Da gibt es vielleicht nicht gerade Potemkin’sche Dörfer, aber doch „Seifenfabriken“, die nur noch standardisierte Angebote für standardisierte Nutzer produzieren und der Individualität und Besonderheit psychischer Krankheit nicht mehr gerecht werden.
Nicht zuletzt verschanzen sich Mitarbeiter, die nach fünfzehn oder mehr Jahren Arbeit in der Psychiatrie zunehmend erschöpft und nicht mehr in Aufbruchstimmung sind, vielleicht lieber einmal mehr in ihren Büros, als sich der Zumutung auszusetzen, die Betroffene auch darstellen.
Woran liegt das? Wenn ich als Supervisorin in den Einrichtungen bin, fällt mir immer wieder auf, dass es ein erhebliches Missverhältnis zwischen der Investition in Gebäude und der in Menschen gibt. Nicht nur im stationären Bereich (wo die Psychiatrie-Personalverordnung zunehmend unterlaufen wird), sondern auch im ambulanten Bereich wird zuerst am Personal gespart, es wird in vielen Einrichtungen mit Hilfskräften und (ständig wechselnden) Praktikanten gearbeitet, qualifiziertes Personal wird unter Tarif bezahlt oder nur befristet beschäftigt, vergleichsweise wenig Geld in Weiterbildung, Qualifikation, Supervision investiert, ein hohes Maß an Selbstausbeutung vorausgesetzt und gefordert. Das führt – zusammen mit Entwicklungen wie beispielsweise der Verkürzung von Verweildauern im stationären Bereich, die ambulant aufgefangen werden müssen, und einer Erhöhung der Klientenzahlen – aus meiner Sicht zu einem zunehmenden „Verschleiß“ an Mitarbeitern, an deren Beziehungsbereitschaft und Beziehungsfähigkeit und nicht zuletzt auch an Motivation und Engagement für die Betroffenen. Wenn die Essenz sozialpsychiatrischer Arbeit die Beziehung und Begegnung mit dem psychisch erkrankten Menschen ist, dann müssen in erster Linie die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Was nützen die schönsten Räume, wenn man dort keinen beziehungsfähigen Menschen mehr antrifft?
Dazu kommt ein weiteres Problem: Trotz der gewachsenen Zahl gemeindepsychiatrischer Angebote ist auch in Leipzig die Zahl psychisch erkrankter Menschen nicht zurückgegangen. Im Gegenteil, wie Stefan Priebe erst kürzlich ausführte, wächst die Zahl der in diesen Einrichtungen längerfristig betreuten Menschen. Schafft auch hier Nachfrage Angebot oder schafft Angebot Nachfrage? Kommt es, wie Stefan Priebe fragte, zu einer „Ghettoisierung in der Gemeindepsychiatrie“? Müssen Bewohner, Patienten, Nutzer, Klienten nicht immer mehr an die eigene Einrichtung gebunden werden, weil deren Existenz zunehmend von der Zahl der Nutzer und nicht von der Qualität der geleisteten Arbeit abhängt? Ist es für ein Wohnprojekt überhaupt sinnvoll, einen gut integrierten Bewohner in die Selbstständigkeit zu entlassen? Wird die Arbeit einer WfB daran gemessen, wie vielen Menschen sie den Weg in den ersten Arbeitsmarkt eröffnet? Gefährdet gelingende Integration nicht sogar oft die materielle Existenz eines Betroffenen, weil Sozialleistungen, Rentenansprüche u.a. an seinen Schwerbehindertenstatus geknüpft sind?
Ausgrenzung oder Integration?
Auch die zunehmende Exklusion psychisch erkrankter Menschen spielt eine Rolle. In einer Gesellschaft, in der immer weniger Menschen immer mehr arbeiten, bleiben Schwächere, zu denen (auch, aber nicht nur) psychisch Kranke gehören, systematisch auf der Strecke. Kaum einer von den Nutzern gemeindepsychiatrischer Einrichtungen in Leipzig hat noch Arbeit, und die meisten haben auch keine Aussicht darauf. Es sinkt auch die Zahl der Menschen, die mit einer EU-Rente wenigsten materiell einigermaßen abgesichert waren. Immer mehr Nutzer leben von Sozialhilfe, manche haben nicht einmal die.
Die im Sozialgesetzbuch V geforderte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, zu dem in erster Linie die Teilhabe an Arbeit gehört, aber auch die Teilhabe an Kultur und nicht zuletzt die Teilhabe an Konsum- und Reisemöglichkeiten fällt für viele Menschen mit psychiatrischen Diagnosen aus. Sie könnten zwar theoretisch „Visafrei bis Hawai!“ fahren (eine der Forderungen der Montagsdemos), für manche der psychisch Kranken reicht es allerdings nicht mal mehr für eine Straßenbahnfahrt. (Das in Leipzig von einer Bürgerinitiative geforderte Sozialticket, dessen Einführung das Stadtparlament beschlossen hatte, wurde aufgrund der Haushaltssituation vom Regierungspräsidium gestoppt.)
Wenn Sie mich fragen, was sich in Leipzig am stärksten verändert hat seit der Wende, würde ich sagen: Es hat eine soziale Segregation der Stadt begonnen, die ich mir zu DDR- Zeiten so nicht vorstellen konnte. Es gibt inzwischen bessere Viertel und nicht ganz so gute. Es gibt heute Stadtviertel, die ich selten betrete und in denen ein zunehmend größerer Anteil armer Menschen wohnt; ich betrete aber auch bestimmte Einkaufspassagen in der Innenstadt nicht mehr, weil meine Kaufkraft für deren Angebote nicht ausreicht. Ich halte diese Entwicklung für bedenklich, weil sie auch zu einem wachsenden Ausmaß an Desintegration führt, das durch psychiatrische Institutionen nicht dauerhaft aufzufangen ist. Die schleichende Verelendung bei vielen psychisch Kranken und die Aussichtslosigkeit der Verbesserung ihrer Lage lassen sich in unseren schönen Gebäuden sehr gut verstecken. Es wird ja alles getan für sie! Gut verstecken lässt sich hinter diesen Fassaden auch die oben beschriebene Misere vieler Mitarbeiter; gerade in sozialpsychiatrischen Projekten arbeiten inzwischen auch etliche gering verdienende Mitarbeiter, die von ihren Einkommen nicht mehr leben können. An der schicken Leipziger Universitätspsychiatrie arbeiten so genannte PIPs, Psychologen im Praktikum, die in etwa dieselbe Arbeit machen wie ihre medizinischen Kollegen – unbezahlt. Nicht aus Liebe zu den psychisch Kranken, sondern in Hoffnung auf bessere Zeiten nach erfolgreicher Approbation.
Seit einiger Zeit ändert sich der Ton in der Sozialpolitik: Angesichts klammer Kassen wird plötzlich wieder die Integrationskraft der Familie beschworen, die Nachbarschaft, die Gemeinschaft, ja – für mich als ehemalige DDR-Bürgerin höchst verwunderlich – sogar die Solidarität. Plötzlich wird die Bedeutung des sozialen Zusammenhangs erkannt, die man im Dienst wirtschaftlicher Interessen über Jahre vernachlässigt, wenn nicht sogar aktiv zerstört hat.
Dabei ist der Grundgedanke natürlich richtig: Kein Staat, keine Kommune und letztlich auch kein psychiatrisches Versorgungssystem schafft es, Menschen mit dem zu „versorgen“, was für sie wirklich existenziell wichtig ist: Beziehung, Kontakt, Austausch, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Anerkennung, Identität, Heimat. All das findet nur im Rahmen zwischenmenschlicher Begegnungen statt. Soziale Sicherheit gewinnen wir letzten Endes nur aus unseren sozialen Nahbeziehungen. Aber ein Staat, eine Kommune und auch das psychiatrische Versorgungssystem kann und muss nicht nur die Voraussetzungen dafür schaffen, dass soziale Räume entstehen, in denen solche Begegnungen möglich sind. Sie müssen vor allem auch die Akteure kontrollieren, die per (kapitalistischem) Prinzip Eigennutz über Gemeinnutz stellen, Desintegration aktiv produzieren, die aus Verwertungs- und Gewinninteressen heraus einen immer größeren Teil der Menschen verwahrlosen und dann entsorgen.
Wer weiß, mit wie viel Ausdauer und (oft vergeblicher) Energie man um minimale Mittel für psychisch Kranke, aber auch für Kulturprojekte oder eine bessere Ausstattung an Schulen kämpft, kann weder verstehen, mit welcher Ignoranz Manager mit Millionen abgefunden werden, Milliardensummen von Spekulanten verschleudert und die daraus entstehenden Schäden dann wiederum vom Staat ausgeglichen werden, noch wird er es akzeptieren. Was ist der Geldbetrag, den das Leipziger Sozialticket die Kommune kosten würde, denn im Vergleich zur Bürgschaft für die von Sachsen nach Baden-Württemberg verkaufte Landesbank? Oder gar im Vergleich zu den Summen zur Rettung amerikanischer Banken? Dort will man eine Kettenreaktion vermeiden, aber wie sieht es mit den Kettenreaktionen im Sozialsystem aus? Wo Gewinne privatisiert und Verluste vergesellschaftet werden, beißen den Letzten die Hunde.
Wenn Sie mich fragen, was ich von einer Gesellschaft für Sozialpsychiatrie erwarte, dann würde ich in alter Ostmanier sagen: ein bisschen mehr revolutionäres Bewusstsein! Oder eben wieder mehr Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Im Moment, habe ich den Eindruck, hat man sich auch in der Sozialpsychiatrie mit den ungerechten Verteilungsverhältnissen in dieser Gesellschaft, die auch auf Kosten der psychisch Kranken gehen, weitgehend abgefunden.
Sozialpsychiatrie muss sich immer wieder neu der Frage stellen, was eigentlich das Ziel ihres Handelns ist. Die Unauffälligkeit unserer Klienten? Deren Dankbarkeit? Der Erhalt der eigenen Einrichtung?
Auch auf die Gefahr hin, dass es nach dem revolutionären Pathos von 1968 oder 1989 klingt: Aus meiner Sicht ist das Ziel sozialpsychiatrischen Handelns nach wie vor: eine gerechte Gesellschaft, die allen ihren Mitgliedern Existenzsicherheit, Selbstbestimmung und soziale Teilhabe ermöglicht. Darunter sollten wir es nicht machen.
Was ist aus der Aufbruchstimmung der Wende geworden?
Wir haben sie bekommen, die schöne neue Welt, und wir sind ein Teil von ihr geworden. Auch ich arbeite an einem gesundheitswissenschaftlichen Fachbereich, der sich zunehmend als gesundheitsökonomischer Fachbereich profiliert. Dort höre ich täglich: Der Gesundheitsmarkt ist der Wachstumsmarkt der Zukunft! Die blühenden Kliniklandschaften scheinen auch in der Psychiatrie dafür zu sprechen. Die Depression wird als neue Volkskrankheit entdeckt. Worunter oder woran da immer mehr Menschen leiden, fragt kaum noch einer. Mediziner, die mehr forschen als behandeln und sich schon gar nicht mehr auf irgendwelche langwierig erzählte Lebensgeschichten einlassen wollen (wird nicht vergütet), verweisen auf den gestörten Hirnstoffwechsel (der lässt sich ja nachweisen), und die Pharmaindustrie stellt die entsprechenden Substanzen bereit.
In dieser Logik wird der leidende Mensch, der Patient, der Klient, der Nutzer zunehmend zum Wirtschaftsfaktor. Bereits jetzt führt das zu kritischen Situationen für alte, demente und multimorbide Menschen oder im Bereich der Psychiatrie für Menschen mit unklaren oder Doppeldiagnosen, also für alle diejenigen Patienten, die sich „nicht rechnen“. Selbst bei christlichen Trägern habe ich Klassifikationen von Patienten nach ökonomischen Kriterien gehört: A-Patienten bringen Gewinn, B-Patienten rechnen sich, C-Patienten kosten mehr, als sie einbringen. C-Patienten kann man sich leisten, solange es ausreichend A-Patienten gibt bzw. solange man bei den B-Patienten noch etwas abknapsen kann. Und wenn nicht mehr? Wenn die Zeiten schlechter werden, bleibt vom Wirtschaftfaktor Mensch irgendwann nur noch der Kostenfaktor übrig. „Was kostet ein Geisteskranker das deutsche Volk?“ Die Geschichte hat uns gelehrt, dass diese Art zu fragen irgendwann mörderische Folgen hat. Sozialpsychiatrie sollte heute als Erstes darauf achten, diese einseitig ökonomische Argumentation immer wieder zu durchbrechen und auf die Menschen zu verweisen, um die es eigentlich geht. Und auch darauf zu verweisen, dass gelingendes Leben nicht nur an Leistung, Konsum und hohem Einkommen hängt, sondern – und vielleicht viel mehr – an Zugehörigkeit, Einbindung, Anerkennung und der Möglichkeit, selbst über sein Leben und über seine Zeit zu entscheiden.
Prof. Dr. Beate Mitzscherlich ist Diplom-Psychologin und Professorin für Pflegeforschung am Fachbereich Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Bei dem Artikel handelt es sich um die gekürzte Fassung des Vortrags der Autorin auf der DGSP-Jahrestagung 2008 in Leipzig. Der Vortrag entstand mit Unterstützung durch Thomas Müller, Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums, und durch Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig.
E-Mail-Kontakt: beate.mitzscherlich@fh-zwickau.de
Literatur:
Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp-Verlag, 1963.
Keupp, Heiner: Sozialpsychiatrie im Gegenwind. In: Forum Kritische Psychologie, 51, 2007.
Keupp, Heiner: Mut zum aufrechten Gang. Was bieten Beteiligung und Empowerment für Psychiatrie und Selbsthilfe? In: Soziale Psychiatrie 3/2007.
Lahm, Berit/Seyde, Thomas/Ulm, Eberhard (Hrsg.): 505
Kindereuthanasieverbrechen in Leipzig. Leipzig: Plöttner-Verlag, 2008.
Mitzscherlich, Beate: Verrückt in L.E. In: Kreuzer 3/2005 (auch im Internet unter www.durchblick-ev.de).
Müller, Thomas/Mitzscherlich, Beate: Psychiatrie in der DDR. Erzählungen von Zeitzeugen. Frankfurt am Main: Mabuse-Verlag, 2006.
Pohl, Georg: Klangbild Gemeinwesen: Sozialpsychiatrie und Gemeinwesenarbeit am Beispiel Leipzig-Stötteritz 1990-1996. Ein Werkstattbuch. Bonn: Verlag Stiftung Mitarbeit, 2004.
Schreber, Daniel Paul: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Frankfurt am Main: Syndikat-Verlag, 1985.
Stiftung Mitarbeit: Brennpunkt – Dokumentation zu Selbsthilfe und Bürgerengagement, Nr. 40, 2004.
Süß, Sonja: Politisch missbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Berlin: Christoph-Links-Verlag, 2000.
Wulff, Erich: Der marktwirtschaftliche Überfall auf die Psychiatrie. Zum Vorrücken des neoliberalen Zeit- und Sprachregimes. In: Forum Kritische Psychologie, 51, 2007.
((BU))
Heilanstalt Thonberg (Leipzig), 1861
Foto: Archiv Sächsisches Psychiatrie-Museum, Leipzig
Tag der Sozialpsychiatrie, Leipzig, 1990
Foto: Archiv Durchblick e.V., Leipzig
Ehemalige Praxis des Leipziger Nervenarztes Paul Möbius
Foto: Thomas R. Müller
Leipzig 2008
Foto: Michaela Hoffmann
Bootssteg des Vereins ‚Durchblick’
Foto: Michaela Hoffmann
Thomas Riesner: Menschen hinter Gittern, 1998
‚Durchblick’-Villa mit Garten
Foto: Archiv Durchblick e.V., Leipzig
((Zitate))
„Unter der Leitung von Klaus Weise wurden 1966 die Gitter in der Universitätspsychiatrie abmontiert“
„Die Aufbruchstimmung in der Wende erfasste auch die Mitarbeiter in der Psychiatrie“
„In den 90er-Jahren scheiterten alle etwas unkonventionelleren Projekte im Bereich Arbeit“
„Kommt es zu einer Ghettoisierung in der Gemeindepsychiatrie?“
„Der leidende Mensch wird zunehmend zu einem Wirtschaftsfaktor“
[1] Quelle: Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V., Ausgabe 2/April 2009, 33. Jg. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Redaktion.